Wissenschaft/Interlinguistik 

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Esperanto als Hauptsprache von Einzelpersonen

04.05.2019

en Esperanto

auf englisch

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Verwendung des Esperanto mehr und mehr zugenommen. Dies zeigt sich auch daran, dass es mittlerweile zumindest etwa hundert Personen gibt, für die Esperanto zur Hauptsprache geworden ist, also zu der Sprache, die sie mehr nutzen als ihre anderen Sprachen.

So oft und so lange nutzen Esperanto unter anderem Angestellte von Esperanto-Organisationen, von denen viele auch zuhause mit ihrem Partner und ihren Kindern Esperanto sprechen. Andere nutzen Esperanto viel in ihrer freien Zeit, eventuell neben einer Teilzeittätigkeit oder im Rentenalter. Manche arbeiten auch als ehrenamtliche Mitarbeiter in einer Esperanto-Organisation oder in Internet-Projekten.

Bei einer Befragung auf Facebook (Gruppe "Esperanto") haben zwischen dem 17. Juli 2018 und dem 4. Mai 2019 insgesamt 88 Personen mitgeteilt, dass sie Esperanto in den vergangenen zwölf Monaten in mehr als 50 % ihrer Zeit genutzt haben; in den ersten drei Wochen, bis zum 11. August 2018, haben dies 57 Personen ausgewählt, bis Ende August 76 Personen.

Die Frage lautete (übersetzt aus dem Esperanto): In welchem Anteil der Zeit des Jahres nutzt du Esperanto? (Beispiel: Vielleicht arbeitest du in einer nationalen Sprache, nutzt zuhause Esperanto, machst vier Wochen in einem Esperanto-Umfeld Ferien. Also ergibt sich vielleicht während eines Arbeitstages 30 % Esperanto, am Wochenende 80 %; im Mittel während einer Woche vielleicht 5x30+2x80=310; 310/7 ~ 45 % Esperanto. Im Jahr 11x45+1x100 ~ 600; 600/12 ~ 50 %).
ZUSATZ. Zur Präzision und Erklärung:
In welchem Teil der vergangenen 12 Monate hast du in etwa Esperanto genutzt?

Nach Stand vom 4. Mai haben außer den 88 Personen, die angaben, Esperanto in mehr als 50 % ihrer Zeit zu nutzen, weitere 71 Personen mitgeteilt, dass sie Esperanto in 26 bis 50 % ihrer Zeit nutzen. In 11 bis 25 % der Zeit nutzen laut der Befragung 35 Personen Esperanto. Für 0 bis 10 % entschieden sich 224 Personen. Insgesamt haben also 418 Personen teilgenommen. Es sei darauf hingewiesen, dass die Befragung offen ist, nicht etwa anonym - jeder Facebook-Nutzer kann die Liste der Personen für die einzelnen Möglichkeiten einsehen.

Man kann vermuten, dass es außer den Personen, die an der Befragung teilgenommen haben, weitere Personen gibt, bei Facebook oder außerhalb, für die Esperanto mittlerweile zur Hauptsprache geworden ist. Natürlich mag es auch unzutreffende Angaben oder Fehlschätzungen geben - dies dürfte allerdings selten vorkommen. Insgesamt ist also anzunehmen, dass die Zahl der Personen mit Esperanto als Hauptsprache derzeit im Bereich zwischen hundert und mehreren hundert Personen anzusiedeln ist.

Als Beispiele von Personen mit Esperanto als Hauptsprache seien zwei Väter von esperantosprachigen Kindern (aus dem Bekanntenkreis des Autors) vorgestellt. Beide arbeiten seit vielen Jahren bei Esperanto-Projekten mit, die in starkem Maße an das Internet geknüpft sind; beide gehen keiner anderen Arbeit nach. Die Partnerin des einen (der andere hat derzeit keine Partnerin) sowie ein sehr großer Anteil der Freunde und Bekannten der beiden sprechen Esperanto; der Kontakt mit diesen wird persönlich sowie per Internet gepflegt. Beide nehmen mehrmals im Jahr an Esperanto-Veranstaltungen teil, die oft eine Woche dauern. An Kontakten zur nicht-esperantosprachigen Außenwelt bleibt zum einen ein Teil der Familie, zum anderen der Einkauf; hierzu wurde mitgeteilt, dass heutzutage das Einkaufen praktisch ohne Worte ablaufe (teils über automatische Kassen) und dass der Kontakt zur restlichen Familie nur alle paar Wochen stattfindet (bzw. im Falle des andern noch seltener, da er in einem anderem Land lebt). Die beiden Personen haben einen Esperanto-Anteil an ihrer sprachlichen Kommunikation von 85 bzw. 95 % angegeben.

Louis v. Wunsch-Rolshoven
EsperantoLand

 

Esperanto - eine weltweite "Verkehrs- und Bildungssprache"

12.03.2019

Esperanto hat 1000 MuttersprachlerInnen und etwa 2 Millionen Esperanto-SprecherInnen (Nutzer) insgesamt, so der Sprachinformationsdienst ethnologue.com. Esperanto wird als eine "Verkehrs- und Bildungssprache" angesehen (Stufe 3 der dreizehnstufigen EGIDS-Skala zur Bewertung von Sprachen; Stufe 1 ist eine Nationalsprache wie Deutsch, ab Stufe 6 werden Minderheitensprachen aufgeführt).

SIL International: Erforschung von Sprachen

Die Internetseiten ethnologue.com werden von SIL International herausgegeben (ursprünglich Summer Institute of Linguistics), einer christlich orientierten, wissenschaftlichen Organisation, die sich im Sprachenbereich laut Selbstdarstellung der Erforschung, Übersetzung, dem Training und der Entwicklung von Materialien widmet. Die Seiten und die seit 1951 herausgegebene Buchversion gelten als Standardwerk zur Beschreibung der Sprachen der Welt.

Die Skala EGIDS

Die Skala EGIDS (Erweiterte Abgestufte Intergenerationelle Veränderungsskala; Expanded Graded Intergenerational Disruption Scale) gibt eine Einschätzung der Vitalität bzw. Gefährdung von Sprachen. Die Stufe 3 für Esperanto zeigt an, dass Esperanto u. a. in Massenmedien verwendet wird und im Kontakt zwischen verschiedenen Regionen.

Eine deutschsprachige Beschreibung von EGIDS mit Quellen findet sich in der Wikipedia.

Beschreibung des Esperanto 2005 bis 2016

Im Zeitraum von 2005 bis 2016 war die Beschreibung des Esperanto bei ethnologue einigen Veränderungen unterworfen. Von zumindest August 2005 bis Dezember 2008 wurde die "Bevölkerung" (offensichtlich: die Zahl der Muttersprachler) mit 200 bis 2000 angegeben; weiterhin wurden 2 Millionen Zweitsprecher erwähnt. Zumindest ab August 2009 bis Dezember 2012 war bei Bevölkerung zu lesen, es sei keine Schätzung verfügbar; eine Bibliographie zu Esperanto als Muttersprache ist auf den Seiten zu Esperanto-Muttersprachlern in der Esperanto-Wikipedia zu finden, mit etwa einem Dutzend Artikeln bis 2006, allerdings wohl lediglich zwei davon auf Englisch in bekannteren Zeitschriften.

Nach Einführung der Skala EGIDS war Esperanto zunächst auf Stufe 6a eingeordnet (lebhaft/gebräuchlich; 3/2013 bis etwa 2/2015); es folgte Stufe 5 (sich entwickelnd/beständige Schriftsprache, zumindest 5/2015 bis 1/2016). Danach erfolgte eine Einordnung auf Stufe 9 (nur Zweitsprache, 3/2016 bis etwa 12/2016) und seit etwa März 2017 die derzeitige Stufe 3.

Esperanto als Muttersprache und lebende Sprache

Die häufigen Veränderungen sind bemerkenswert; sie spiegeln vermutlich das weite Spektrum der Beurteilung der Sprache Esperanto innerhalb der Sprachwissenschaft wider. Für die Einordnung des Esperanto ist es sehr wesentlich, dass die etwa tausend Esperanto-Muttersprachler erwähnt werden - schließlich gilt etwas als "lebende Sprache", wenn eine muttersprachliche Gemeinschaft besteht.

Das Bild des Esperanto in der Öffentlichkeit

Es ist anzunehmen, dass die Informationen, die auf den Seiten von ethnologue.com in früheren Jahren zu finden waren, gelegentlich das Bild des Esperanto in der Öffentlichkeit oder bei Fachleuten beeinträchtigt haben. Den Herausgebern der Seiten ethnologue.com gebührt großer Dank, dass sie nun die tatsächliche Situation des Esperanto und seiner Sprachgemeinschaft darstellen.

Zur Vertiefung

Die Skala EGIDS ist eine Weiterentwicklung der 1991 von J. A. Fishman vorgestellten Skala GIDS (Fishman, J. A., 1991, Reversing language shift, Clevedon, UK, Multilingual Matters Ltd.). EGIDS wurde 2010 in einem Artikel von M. Paul Lewis und Gary F. Simons erläutert ( Assessing endangerment: Expanding Fishman's GIDS. Revue Roumaine de Linguistique 55(2). April 2010. Hinweis: Der Verweis führt zu einer Vorversion von Sept. 2009). M. Paul Lewis ist der Herausgeber von Ethnologue: Languages of the World; Gary F. Simons ist u. a. geschäftsführender Direktor von Ethnologue.

Die Einordnung des Esperanto in Stufe 3 nach der Skala EGIDS ergibt sich aus dem Entscheidungsbaum auf S. 30 des Artikels; Esperanto ist eine nicht offizielle Verkehrssprache (vehicular).

Louis F. v. Wunsch-Rolshoven

Großen Dank für mehrere Anregungen zu diesem Text an Claudia Hamelbeck und Bernhard Pabst.

[ethnologue.com]

 

Sprachwissenschaften und Esperanto. Ein Skript im Internet

18.02.2019

In den vergangenen Jahren ist zunehmend deutlich geworden, dass über Esperanto und die Esperanto-Sprachgemeinschaft an vielen Stellen Informationen verbreitet werden, die unvollständig sind, irreführend oder einfach unzutreffend. Bedauerlich ist, dass auch in den Sprachwissenschaften unzutreffende Annahmen über Esperanto verbreitet sind und auch gegenüber der Öffentlichkeit geäußert werden.

So wurde z. B. schon 1904 das erste Mädchen geboren, das mit Esperanto als Muttersprache aufgewachsen ist; heute gibt es etwa tausend Esperanto-Muttersprachler. Damit erfüllt Esperanto alle Kriterien, die von verschiedenen Seiten an eine Bezeichnung als "lebende Sprache" geknüpft werden - neben der Existenz von Muttersprachlern gibt es ja auch eine intensive Nutzung der Sprache in sehr vielen Bereichen; vgl. auch den Beschluss der Ungarischen Akademie der Wissenschaften von 2004, dass Esperanto zur Kategorie der lebenden Sprachen gehört.

Die Tatsache, dass es mit etwa tausend Personen durchaus eine stabile muttersprachliche Gemeinschaft gibt, scheint in den Sprachwissenschaften wenig bekannt zu sein; eine kleine Umfrage unter vier AssistentInnen ergab 2015, dass alle vier nichts von Esperanto-Muttersprachlern wussten. Ebenso gibt es SprachwissenschaftlerInnen, die unzutreffenderweise behauptet haben, es gebe keine Esperanto-Literatur, keine Autoren, keine Wortspiele und Esperanto sei überhaupt keine richtige Sprache - das alles ist falsch.

 

Überblick


Unzutreffende Aussagen zu Esperanto
Wieviel Esperanto stammt von Zamenhof?
Eine "künstliche" Sprache?
Klassifikation nach Ursprung oder Funktion?
Sprache keiner Gesellschaft?
Merkmale der Esperanto-Sprechergemeinschaft (Artikel)
Wie "künstlich" sind geplante Sprachen?
Ist wichtig, wie "gut" Interlingua ist?
Warum eigentlich Esperanto?
Zusammenfassung: Was erwähnt das Skript nicht?
Grundkenntnisse zur Esperanto-Sprachgemeinschaft im Grundstudium der Linguistik


 

Unzutreffende Aussagen zu Esperanto

Eine Reihe von unzutreffenden Aussagen über Esperanto, insbesondere von SprachwissenschaftlerInnen, wurden von mir im Jahrbuch 2018 der Gesellschaft für Interlinguistik veröffentlicht: "Zum Bild des Esperanto aus der Sicht einiger Sprachwissenschaftler. Über verschiedene unzutreffende Aussagen zu Esperanto und seiner Sprachgemeinschaft". Dort ist einleitend als Kontrast die Wirklichkeit des Esperanto dargestellt - die zunehmende Verbreitung und Verwendung des Esperanto. Es werden außerdem auch eine Reihe von zutreffenden Darstellungen zu Esperanto durch SprachwissenschaftlerInnen erwähnt - das gibt es natürlich, auch von bekannteren Autoren wie Umberto Eco oder Harald Haarmann.

Weitere Recherchen im Internet fördern immer wieder neue Darstellungen des Esperanto zutage, die die Wirklichkeit der Esperanto-Sprachgemeinschaft kaum wiedergeben. So schreibt Prof. em. Dr. Christian Lehmann in einem Internet-Skript zu Grundbegriffen der Linguistik über Sprache: "Im Prinzip sind auch Welthilfssprachen bzw. Plansprachen wie Esperanto künstliche Sprachen, da auch sie von einzelnen Menschen entworfen wurden. Sobald es allerdings Kinder gibt, die sie als erste Sprache erwerben, und Sprachgemeinschaften, denen sie als erstes Mittel zur Kommunikation und Kognition dienen, sind sie von natürlichen Sprachen nicht mehr unterscheidbar." Man erwartet eigentlich, dass er nun darstellt, dass es sehr wohl Kinder gibt, die Esperanto als erste Sprache erwerben, und dass Esperanto durchaus für manche Menschen die Hauptsprache geworden ist, also die am meisten genutzte Sprache (wohl etwa hundert Personen) - aber Christian Lehmann führt das Thema Esperanto an dieser Stelle nicht fort.

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Wieviel Esperanto stammt von Zamenhof?

Es ist sicher richtig, dass die Grundzüge des Esperanto von einem einzelnen Menschen entworfen wurden, aber bereits nach zwei Jahren (1889) gab es eine internationale Gemeinschaft um die Zeitschrift La Esperantisto mit etwa 500 Abonnenten. Von Prosa und Poesie über populär-wissenschaftliche Artikel bis zu Annoncen wurde ein breites Feld von Textsorten abgedeckt. Das erste Esperanto-Lehrbuch von 1887 enthielt die Grundregeln der Grammatik auf etwa fünf Seiten, ein großes Blatt mit etwa 920 Wortstämmen sowie etwa zwei Seiten Text in Esperanto, darunter bemerkenswerterweise drei Gedichte; Zamenhof wollte ganz offensichtlich eine Kultursprache schaffen, ausdrücklich "por ĉiuj civilizitaj popoloj", und eine Kultursprache ist ja auch erfreulicherweise entstanden.

Mittlerweile sind Grammatiken des Esperanto mehrere hundert Seiten dick. Die Zahl der Wortstämme war schon 1970 auf über 15.000 angestiegen; das aktuelle Esperanto-Deutsch Wörterbuch (Erich-Dieter Krause) von 2018 verzeichnet 150.000 Wörter. Es sind bisher etwa 10.000 Esperanto-Bücher erschienen (ergänzend gibt es natürlich viel sonstigen Text; alleine die Esperanto-Wikipedia umfasst jetzt eine Viertelmillion Artikel - diese Textmenge entspricht vielen hundert Büchern).

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Eine "künstliche" Sprache?

Es ist daher wohl nicht überraschend, dass der Linguist Harald Haarmann schon 2001 formulierte: "Obwohl Esperanto als Plansprache konzipiert wurde, ist es inzwischen eine lebende Sprache und seine Definition als «künstliche» Sprache mutet heutzutage eher künstlich an. Es ist nicht abwegig, Esperanto als natürliche Sprache zu kategorisieren." Jouko Lindstedt listet 2006 drei Eigenschaften natürlicher Sprachen auf, die auch bei Esperanto zu finden sind: Die Norm des Esperanto ist teilweise nicht kodifiziert (daher: volle Erlernbarkeit nur durch die Praxis; Lernmaterial alleine genügt nicht), grammatischer und lexikalischer Wandel, Muttersprachler (Abschnitt "Properties of natural language in Esperanto" in "Native Esperanto as a Test Case for Natural Language").

In der Tat ist das heutige Esperanto von ethnischen Sprachen wie Deutsch oder Italienisch beim täglichen Sprachgebrauch kaum noch zu unterscheiden. Es stellt sich die Frage, welche Unterschiede bleiben. So ist festzustellen, dass eine Grundmenge von grammatischen Regeln entsprechend der Übereinkunft über die Grundlagen der Sprache von 1905, dem sog. Fundamento, unveränderbar sein soll; zum anderen nimmt Esperanto weit weniger neue Wortstämme auf als etwa das Deutsche; es bildet neue Begriffe sehr oft aus schon Vorhandenem: Statt der neuen Wörter Handy und Smartphone wurden die Begriffe im Esperanto aus bekannten Wortwurzeln gebildet; ein Handy ist ein poŝtelefono ("Taschentelefon"), ein Smartphone zumeist ein saĝtelefono ("kluges Telefon"); so bleibt die raschere Erlernbarkeit des Esperanto weitgehend erhalten. Ergänzend ist Esperanto natürlich eine Diaspora-Sprache und eine internationale Sprache, was gewisse Unterschiede zu den meisten ethnischen Sprachen bedingt.

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Klassifikation nach Ursprung oder Funktion?

Weiter unten auf derselben Internet-Seite stellt Christian Lehmann in einem Baumdiagramm eine systematische Aufschlüsselung der Kognitions- und Kommunikationsmittel dar, also menschliche und tierische Sprachen oder Kommunikationssysteme. Menschliche Sprache wird in "natürliche" und "künstliche" Sprache aufgeteilt, sodass eine Sprache wie Esperanto in der Nähe von logischen und Programmiersprachen eingeordnet ist, fernab von Lautsprachen wie Deutsch oder Vietnamesisch. Es ist sehr freundlich, dass Christian Lehmann auf einen Hinweis hin einen Nachsatz angefügt hat: "Selbstverständlich sind andere Klassifikationskriterien denkbar. Man könnte die menschlichen Sprachen, statt nach dem Kriterium ihres Zustandekommens nach dem Kriterium ihrer Funktion einteilen, z.B. in ‘zwischenmenschliche vs. formale Sprachen’. Dann wäre der Zweig der Welthilfssprachen unterhalb der Ebene der Lautsprachen anzusiedeln."

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Sprache keiner Gesellschaft?

Auf einer anderen Seite seines Internet-Skripts behandelt Christian Lehmann die "Soziologie einer Sprache als ganzer". Hier ist einleitend unter der Überschrift "Natur der Sprache" zu lesen, dass eine "natürliche" Sprache Kommunikationsmittel mindestens einer Gesellschaft ist - im typischen Falle eine traditionelle Sprache. Lehmann erwähnt, dass unter den Begriff marginal auch Pidginsprachen und aussterbende Sprachen fallen. Er führt fort: "Eine Plansprache oder Welthilfssprache dagegen ist Sprache keiner Gesellschaft." In der Folge wird auf das 1887 von Ludwik Zamenhof veröffentlichte Esperanto sowie auf Volapük und Interlingua hingewiesen.

Es wirkt etwas überraschend, dass die Frage der historischen Entstehung einer Sprache damit verknüpft sein soll, ob diese Sprache später das Kommunikationsmittel einer Gesellschaft ist. In der Tat verweist der Soziologe Nikola Rašić in seinem Buch "La Rondo Familia" (1994), in dem er ein knappes Dutzend soziologischer Untersuchungen der Esperanto-Sprachgemeinschaft vorstellt, auf einen Prozess der gesellschaftlichen Transformation von einer Reformbewegung zu einer alternativen Kultur, zu einer Mikrogesellschaft, die parallel zu einer Makrogesellschaft existiert, diese ergänzt und sich im wesentlichen selbst genügt. Auch Sabine Fiedler, seit so manchem Jahrzehnt anerkannte Interlinguistin und Esperantologin, schreibt in ihrem Beitrag "Kultur und Plansprache: Betrachtungen zum Esperanto" für den Sammelband "Kaleidoskop der Kulturen" (2010) über die "Mikrogesellschaft der Esperanto-Sprachgemeinschaft" (S. 183).

Hinweise auf die Bildung einer Mikrogesellschaft kann auch die Tatsache geben, dass bei aktiven Esperanto-Sprechern in vielen Fällen Partner und Kinder auch Esperanto sprechen: Nach der eigenen Untersuchung von Rašić (unter Teilnehmern von drei Esperanto-Kongressen, um 1985) haben zwei Drittel der Befragten, die in einer Partnerschaft leben, einen esperantosprachigen Partner. Bei den Antwortenden mit Kindern sprechen 45 % der Kinder ebenfalls Esperanto (a.a.O., S. 153). Die Herkunft der Lehmannschen Annahme, eine Plansprache sei Sprache keiner Gesellschaft, ist unklar.

 
Über die Merkmale der Esperanto-Sprechergemeinschaft informiert eine Reihe von Artikeln, etwa:

Richard E. Wood (1979). A Voluntary Non-ethnic, Non-territorial Speech Community . In: William F. Mackey and Jacob Ornstein (eds.), Sociolinguistic Studies in Language Contact. The Hague: Mouton, 433-450.

Sabine Fiedler (2006). Standardization and self-regulation
in an international speech community: the case of Esperanto. Int’l. J. Soc. Lang. 177 (2006), 67–90 Zusammenfassung

Kimura Goro Christoph (2012). Esperanto and minority languages: A sociolinguistic comparison. In: LPLP 36(2), 167-181. Zusammenfassung

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Wie "künstlich" sind geplante Sprachen?

Unter der Überschrift "Anwendungen der Linguistik" stellt Christian Lehmann die Interlinguistik vor, die Lehre von den Plansprachen. Er benutzt auch hier den Begriff "künstliche Sprachen", der seit den 1930-er Jahren in der Interlinguistik weniger und weniger üblich ist (der Begriff „Plansprachen“ wurde vom Begründer der Terminologiewissenschaft und Esperanto-Lexikographen Eugen Wüster geprägt). In der Interlinguistik herrscht eher das Verständnis, dass vielleicht das Zusammenfügen der Elemente aus ethnischen Sprachen bis 1887 ein künstlicher Vorgang war, dass aber die Entwicklung und Verwendung des Esperanto seither sehr ähnlich sind wie bei allen anderen menschlichen Sprachen.

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Ist wichtig, wie "gut" Interlingua ist?

Neben Volapük und Esperanto wird auch das 1951 veröffentlichte Interlingua erwähnt, das von Sprachwissenschaftlern entwickelt wurde. Dies sei "die unter linguistischem Gesichtspunkt beste bisher vorgeschlagene Plansprache". Welche linguistischen Kriterien hierbei Verwendung fanden, wird nicht erläutert; ebenso wenig findet sich eine Darlegung, warum Interlingua dem Esperanto überlegen sein soll.

In der Praxis ist Interlingua jedenfalls wenig zu finden. Die ungarische Volkszählung 2001 hat 4570 Esperanto-Sprecher ermittelt sowie 2 Sprecher des Interlingua. ( 2011 wurden übrigens 8.397 Esperanto-Sprecher gezählt, ein Zuwachs von 84 % in zehn Jahren.) Vielleicht ist auch die Frage zu stellen, ob sich aus dem Sprachprojekt Interlingua durch ausreichend viel Sprachgebrauch in verschiedenen Gebieten bis heute eine wirkliche Sprache entwickelt hat.

Die Frage, ob Interlingua unter irgendwelchen Kriterien ein wenig besser ist als Esperanto, kann man diskutieren - allerdings sollte berücksichtigt werden, dass die Menschen in der Regel eine neue Lösung für eine Aufgabe erst dann annehmen, wenn die Lösung erheblich vorteilhafter ist als die bisherige. Ich meine mich zu erinnern, dass der Management-Denker Peter F. Drucker aufgrund historischer Studien über die Wirtschaftsentwicklung etwa 30 % als untere Grenze für die notwendige Rationalisierung durch eine solche neue Lösung angegeben hat - erst dann hat das Neue eine Chance; bei einem geringeren zu erwartenden Vorteil schätzen die Menschen den Aufwand für den Wandel als zu hoch ein und ebenso das Risiko nicht erfüllter Erwartungen. Diese Überlegung erlaubt es zu erklären, warum Volapük eine Sprachgemeinschaft bilden konnte, warum Esperanto das Volapük ablöste und warum seither keine andere Neu-Entwicklung einer geplanten Sprache dem Esperanto die hier führende Rolle streitig machen konnte: Volapük bot die notwendige schnellere Erlernbarkeit gegenüber den nationalen Sprachen, Esperanto war gegenüber Volapük erheblich einfacher und schneller zu erlernen - und seither hat es anscheinend keine weitere Entwicklung geschafft, einen signifikanten Fortschritt gegenüber Esperanto zu erreichen. Esperanto scheint ausreichend gut zu sein, um insofern keine Konkurrenz zu haben.

(Eine andere Frage ist, warum die Verbreitung des Esperanto nicht schneller geschieht. Festzustellen ist zunächst, dass Esperanto im 20. Jahrhundert von etwa 1000 Personen auf eine Größenordnung von etwa 100.000 aktiven Sprechern angewachsen ist. Ob das schnell oder langsam ist, ist schwer zu entscheiden - zumindest war der prozentuale Zuwachs größer als bei praktisch allen anderen Sprachen. Ansonsten ist zu berücksichtigen, dass das Neue so manchen Feind hat, s. Gunter Dueck (2013). Das Neue und seine Feinde: Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen. ( Buch-Einleitung.) Weiterhin verbreiten sich Innovationen nach dem Modell der "Diffusionstheorie" - dies bedeutet u. a., dass die Anzahl der möglichen Anwender zunächst bei nur 2 % der späteren Anwender liegt, während 98 % praktisch unerreichbar sind, solange die tatsächlich schon stattfindende Anwendung noch weitgehend unbekannt ist; vgl. Wunsch-Rolshoven. Verbreitung von Ideen... 2012 sowie eine engl. Darstellung der sog. "Adopter categories".)

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Warum eigentlich Esperanto?

Im letzten Absatz zur Interlinguistik ist bei Lehmann zu lesen: "Eine Plansprache auszuarbeiten ist zweifellos eine Tätigkeit der Angewandten Linguistik. Allerdings gibt es schon Hunderte davon (...)"; Lehmann verweist noch darauf, dass die mit Abstand verbreitetste internationale Verkehrssprache Englisch ist.

Anzumerken ist, dass in der Praxis die Ausarbeitung weiterer Plansprachen oder Plansprachprojekte im Bereich der Interlinguistik keine große Rolle spielt. Vielleicht ist es auch nicht sinnvoll, die Hunderte von Plansprachprojekten allesamt als "Sprachen" zu bezeichnen; schließlich braucht ein Sprachentwurf, um den bestehenden Sprachen bezüglich der Funktion annähernd ebenbürtig zu sein, weit mehr als nur ein erstes Lehrbuch oder gar nur einige Notizen - nötig sind eine Fülle von Anwendungsbereichen und tatsächliche Verwendung, am besten täglich; dies fand oder findet sich wohl nur bei einer Handvoll von tatsächlichen Plansprachen (und eingeschränkt bei sog. "Semiplansprachen").

Dass Englisch weiter verbreitet ist als Esperanto, das ist auch in der Esperanto-Sprachgemeinschaft bekannt; Englisch-Kenntnisse sind bei Esperanto-Sprechern häufiger anzutreffen als in der allgemeinen Bevölkerung. Was bringt Esperanto-Sprecher also dazu, außer Englisch und anderen Sprachen auch Esperanto zu lernen und zu sprechen?

Bekanntlich kann man Esperanto weit schneller lernen als andere Sprachen; viele Esperanto-Sprecher berichten davon, dass sie schon nach etwa zwanzig Esperanto-Lernstunden angefangen haben, Esperanto in der Praxis zu nutzen (und zwar passiv und aktiv). In meinem Beitrag zum Bild des Esperanto unter Sprachwissenschaftlern wurden einige Studien zur rascheren Erlernbarkeit des Esperanto zitiert; in der Regel kann angenommen werden, dass die ersten hundert Stunden Esperanto so viel Kompetenz erbringen wie etwa der vierfache Aufwand in den meisten Sprachen wie Englisch oder Französisch. Auch später ist Esperanto weit schneller zu erlernen, und insbesondere ist die Grammatik mit begrenztem Aufwand beherrschbar. In der Studie von Nikola Rašić geben 18 % der Befragten an, dass sie sich in Esperanto so sicher fühlen wie in ihrer Muttersprache, 12 % teilen mit, dass sie sich etwas weniger natürlich ausdrücken können als in ihrer Muttersprache, 44 % fühlen sich sicherer als in ihren anderen Fremdsprachen (a. a. O., S. 162); insgesamt ergeben sich also 74 % der Befragten, die sich in Esperanto sicherer oder erheblich sicherer als in anderen Fremdsprachen fühlen, bis hin zu einem muttersprachlichen Niveau. Dies wird von vielen Esperanto-Sprechern als ein großer Vorzug der Sprache geschildert - man hat eine deutlich bessere Chance, sehr gut zu werden, als in anderen Fremdsprachen. Vielleicht ist es daher nicht sehr erstaunlich, dass 39 % der Befragten angeben, dass sie in Esperanto Artikel für Zeitschriften schreiben, 26 % übersetzen auch.

Ein weiterer Punkt, der Menschen zu Esperanto bringt, ist die internationale Sprachgemeinschaft sowie seine relative Neutralität - Esperanto lernen bedeutet, dass alle Seiten einen Schritt aufeinander zu machen.

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Zusammenfassung: Was erwähnt das Skript nicht?

Man kann sich die Frage stellen, was ein Student oder eine Studentin über Esperanto aus diesem Internet-Skript lernt - insbesondere in Bezug auf die in dem erwähnten Beitrag "Zum Bild des Esperanto aus der Sicht einiger Sprachwissenschaftler" zusammengetragenen unzutreffenden Aussagen über Esperanto.

Leider fehlt im Skript die Erwähnung der Esperanto-Praxis vollständig - es wird sogar behauptet, Esperanto sei Sprache keiner Gesellschaft. Man lernt nicht, dass es etwa tausend Esperanto-Muttersprachler gibt; damit wird nicht klar, dass Esperanto zu einer lebenden Sprache geworden ist; dies wird auch nicht in anderer Weise mitgeteilt.

Man lernt auch nicht, dass es etwa hundert Personen mit Esperanto als Hauptsprache gibt, dass die Zahl der aktiven Sprecher auf ein paar hunderttausend Menschen geschätzt wird und die Zahl der bisherigen Esperanto-Lerner auf ein paar Millionen; bei Duolingo fangen derzeit jährlich etwa 800.000 Lerner mit Esperanto an. Es gibt auch keine Erwähnung der Esperanto-Literatur, der Esperanto-Lieder oder der Wortspiele. Auch der Sprachwandel in Esperanto findet keine Beachtung.

Man kann sicher argumentieren, das meiste hiervon zu vermitteln sei nicht Aufgabe einer Einführung in die Sprachwissenschaft. Aber ist es wirklich sinnvoll, jungen SprachwissenschaftlerInnen all das vorzuenthalten? Ist es nicht eine sprachwissenschaftlich bemerkenswerte Erkenntnis des vergangenen Jahrhunderts, dass es möglich war, eine geplante Sprache nicht nur zu entwerfen, sondern sie auch zum Leben zu erwecken, mit einer Sprachgemeinschaft in über hundert Ländern weltweit und sogar einer muttersprachlichen Gemeinschaft?

Wann später in ihrer sprachwissenschaftlichen Ausbildung werden die jungen StudentInnen mehr über Esperanto erfahren? Wenn dies zu keinem Zeitpunkt mehr erfolgt, dann weiß die nachwachsende Generation genausowenig über Esperanto wie die vorherige und es ist abzusehen, dass sie gegenüber jüngeren Kollegen, Journalisten, in Artikeln und Büchern möglicherweise dieselben unzutreffenden Aussagen zu Esperanto machen werden, die die älteren LinguistInnen seit Jahrzehnten gemacht haben. Ist das wirklich gut, für alle Beteiligten? Dient das dem Ansehen der Wissenschaft?

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Grundkenntnisse zur Esperanto-Sprachgemeinschaft im Grundstudium der Linguistik

Meine Anregung geht dahin, dass jede/r StudentIn der Linguistik im Grundstudium die wichtigsten Informationen nicht nur zu Esperanto, sondern auch zur Esperanto-Sprachgemeinschaft einschließlich der muttersprachlichen Gemeinschaft erfahren sollte. Erst dann ist die nachwachsende Generation auch ausreichend gewappnet für die Fragen zu Esperanto, die JournalistInnen erfahrungsgemäß VertreterInnen der Sprachwissenschaft immer mal wieder zu stellen pflegen; mit der zunehmenden Verbreitung des Esperanto und der dank des Internet zunehmenden Sichtbarkeit dürfte diese Tendenz zunehmen.

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Louis F. v. Wunsch-Rolshoven

(Vielen Dank für sehr hilfreiche Hinweise an Sabine Fiedler und Bernhard Pabst.)

 

Vorträge von Prof. Sabine Fiedler in Hamburg (14./15. März)

27.01.2019

en Esperanto

Über das Thema "Esperanto - neue Forschungen zum Sprachgebrauch und zur Sprachgemeinschaft" ("Esperanto – novaj esploroj pri lingvouzo kaj parolkomunumo") wird Frau Prof. Sabine Fiedler am Donnerstag, 14. März in Hamburg sprechen - im "Kulturladen St. Georg" (Saal 1/2), Alexanderstraße 16, 20099 Hamburg (Vortrag in Esperanto). Der Eintritt ist kostenlos. Einlass ab 19h30. Die Veranstaltung wird von Esperanto Hamburg organisiert.

Am Folgetag, 15. März, wird Prof. Fiedler einen Vortrag über Comics halten, diesmal auf deutsch, s. u.

Esperanto heute

Der erste Vortrag von Prof. Dr. Sabine Fiedler gibt einen Überblick über die Resultate eines Forschungsprojektes über die heutige Nutzung der Plansprache. Es wird die Esperanto-Kommunikation in vielen verschiedenen Situationen behandelt (wie etwa die tagtägliche Konversation, wissenschaftliche Vorträge oder Debatten).

Humor in Esperanto

Die Hauptthemen dieses Vortrags sind die Rolle des Humors in der Esperanto-Kommunikation und die Weiterentwicklung der Sprache.

Forschung über die Esperanto-Sprachgemeinschaft seit vielen Jahrzehnten

Sabine Fiedler ist Sprachwissenschaftlerin an der Universität Leipzig, wo sie im Bereich der Fachsprachenforschung des Englischen promovierte; ihre Habilitation untersuchte die Phraseologie (Redewendungen) in Plansprachen, insbesondere Esperanto. Ihre Forschungsthemen sind vor allem Phraseologie, Interlinguistik (Esperantologie), Lingua Franca und Comics.

Vortrag über Comics am Freitag, 15. 3.

Am Freitag, 15.03.2019, wird Frau Prof. Fiedler einen Vortrag in deutscher Sprache halten: "Mehr als Krach, PENG, Arrrrrgh – Comics zwischen Literatur, Massenmedium und Kunst".

Massenmedium oder Kunstform?

Comics können aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Einige sehen sie als literarische Gattung, andere als Massenmedium, wieder andere als Kunstform (in Frankreich, wo Comic la bande dessinée, BD heißt, spricht man bekanntlich von der ‚neunten Kunst‘). In ihrer semiotischen Funktionsgemeinschaft von Sprache und Bild sind sie sowohl hinsichtlich ihrer erzählerischen Potenzen als auch ihrer ästhetischen Wirkungen unverwechselbar. In ihnen wird Bedeutung durch eine Vielfalt an Kommunikationsebenen und verbalen Gestaltungselementen (Erzählertext, mündliche Rede in Sprechblasen, Inserttexte, Soundwords u.a.) zum Ausdruck gebracht.

Einblick in den Wandel der Sprache

Der Vortrag beginnt mit einem kurzen Überblick über die Geschichte des Comics und wird danach das Zusammenwirken zwischen der visuellen und verbalen Ausdrucksebene näher beleuchten. Abschließend werden die Leistungen des Comics unter zwei ganz speziellen Aspekten betrachtet. Dies sind die Dokumentation von Zeitgeschehen durch vielfältige Möglichkeiten der Bezugnahme auf sprachliche und außersprachliche Realität und die Vermittlung von Einblicken in Sprachwandelphänomene.

Veranstaltungsort ist der große obere Saal im Kulturladen St. Georg, Alexanderstraße 16, 20099 Hamburg. Eintritt 5 Euro bzw. 3 Euro (reduziert).

[esperanto-hamburg.de]

 

Anthropologische Untersuchung über die Esperanto-Sprachgemeinschaft in Berlin

21.06.2018

Vier Anthropologie-Studenten der Freien Universität Berlin (FU) haben im Rahmen einer einführenden Lehrveranstaltung die Esperanto-Sprachgemeinschaft in Berlin untersucht. Jetzt ist ihr Bericht "Esperanto in Berlin" im Internet verfügbar.

Zu den untersuchten Fragen gehörte unter anderem, ob die Esperanto-Sprecher in Berlin eine "Sprachgruppe" im Sinne der Anthropologie bilden. Zum Kern der Untersuchung entwickelte sich die Frage, ob in Berlin durch die Vernetzung der Esperanto-Sprecher ein Zugehörigkeitsgefühl innerhalb der Sprachgruppe entsteht.

 

Quantitative Studien zum Esperanto

06.02.2013

Die Dissertation von Andreas Kück zum Thema "Quantitative Studien zum Esperanto unter besonderer Berücksichtigung der Wortbekanntheit" (2009) ist im Internet verfügbar. Eine Zusammenfassung ist im "informilo por interlingvistoj" n-ro 70 (3/2009), S. 20-22 erschienen.

Andreas Kück ist u.a. auch Autor des Werks "Praktisches Wörterbuch Esperanto".

[austraj esperantistoj]

 

Professur für Esperanto in Amsterdam

04.09.2009

Am Freitag, 4. September, hat Dr. Wim Jansen seine Eröffnungsvorlesung als außerordentlicher Professor für Interlinguistik und Esperanto an der Universität Amsterdam gehalten. Jansen ist seit 2002 Assistenzprofessor (Foto: Jeroen Oerlemans). Die Professur wird vom Internationalen Esperanto-Institut getragen.

Syntax, Spracherwerb und Sprachpolitik

Wim Jansen lehrt in den Bereichen Interlinguistik (die Wissenschaft von internationalen Plansprachen) und Spracherwerb von Esperanto. Seine Forschung befasste sich bisher mit der Syntax und Typologie von Esperanto. Derzeit untersucht er Lehnwörter und Lehnübersetzungen aus dem Niederländischen in Esperanto. Für die Zukunft ist geplant, außerdem die europäische Sprachpolitik zu untersuchen, insbesondere im Hinblick auf die Auswirkungen, die Arbeitssprachen auf die Struktur und den Status anderer Sprachen haben.

Erste Karriere als Raumfahrtingenieur

Jansen hat 1970 sein Diplom als Raumfahrtingenieur gemacht und bis Ende der neunziger Jahre bei der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA gearbeitet. Nach seinem Studienabschluss in Linguistik 1989 hat er später als Sprachlehrer in der Erwachsenenbildung gearbeitet und über die Reihenfolge der Wörter in Esperanto-Sätzen promoviert.

Eine Sprache zum Verlieben

Der heutige Vortrag "Esperanto, een taal om van te houden" (etwa: Esperanto, eine Sprache, in die man sich verlieben kann) beschreibt einzelne Sprachentwicklungen in Esperanto. Er geht auch auf die Zuneigung ein, die viele Esperantosprecher ihrer Sprache gegenüber empfinden und die für Außenstehende nicht leicht nachvollziehbar ist. Während dieses Gefühl oft durch die Gleichberechtigung erklärt wird, die Esperanto seinen Sprechern gibt (im Gegensatz zu der schlechteren Sprachbeherrschung gegenüber Muttersprachlern bei anderen Sprachen), hat Jansen eine ergänzende Erklärung: Er geht davon aus, dass auch einzelne Aspekte der Sprachstruktur diese Zuneigung fördern.

Polyglott

Die Vortragsankündigung ist heute auf der Startseite der Universität Amsterdam zu finden. Weiterhin gibt es auf diesen Internetseiten eine Zusammenfassung des Vortrages (niederländisch), die Meldung von seiner Ernennung zum Professor (englisch) und seine Biographie (englisch). Dort schreibt er u.a., dass er bei seiner Arbeit als Ingenieur neben Französisch vor allem Englisch, Deutsch und Russisch gesprochen hat. Mit seiner Frau sprach er früher Esperanto, jetzt Italienisch; ihre Kinder sind mit Niederländisch und Italienisch aufgewachsen.

"Meine Sprache"

In seiner Biographie betont Jansen, dass Esperanto unter seinen Fremdsprachen diejenige sei, in der er dem Niveau in einer Muttersprache am nächsten komme. "Es fühlt sich an, wie wenn es meine Sprache ist und ich kann in ihr sagen, was ich möchte, nicht nur, was ich sagen kann, wie Otto Jespersen es formuliert hätte."

(Text leicht verändert und ergänzt am 1. 10. 2009)

[Mailingliste universitato, www.uva.nl]

 

Esperanto als Sprache der Wissenschaft

04.07.2004

In der tschechischen Stadt Dobřichovice werden im November Esperantosprecher aus verschiedenen Ländern und Kontinenten über die bisherigen Erfolge und die weitere Planung für die stärkere Anwendung von Esperanto in der Wissenschaft diskutieren.

Die beiden Hauptbereiche der Esperanto-renkontigho Konferenz über die "Anwendung von Esperanto in Wissenschaft und Technik" sind "In Esperanto über Wissenschaft" und "Fachlich zu Esperanto".

[kava-pech]

 

70 Titel zur Geschichte des Esperanto in der DDR

17.03.2004

In insgesamt 70 Büchern, CDs und Videobändern hat eine Gruppe aus der ehemaligen DDR eine reichhaltige Chronik der Esperanto-Geschichte in der DDR und in Mitteldeutschland vor 1945 zusammengestellt.

Insgesamt 35 Autoren haben mit einzelnen Werken zu der Sammlung beigetragen, die im Verlaufe von fünf Jahren entstanden ist. Einer der Teilnehmenden, Ralf Kuse, wurde für seine Arbeit bei dem Literatur-Wettbewerb "Belartaj Konkursoj" des Esperanto-Weltbundes ausgezeichnet.

[Verda Informilo]

 

Esperantosprachige Abteilung an der Universität Sibiu/Hermannstadt

21.02.2003

An der Lucian-Blaga-Universität in Sibiu/Hermannstadt in Rumänien wird in der philologischen Fakultät eine internationale Abteilung eingerichtet, in der auch Esperanto als Wissenschaftssprache benutzt wird. Die neue Abteilung wird am 21. Februar durch den Rektor der Universität, Prof. Dumitru Ciocoi-Pop, und den Präsidenten der "Akademio Internacia de la Sciencoj", Prof. Helmar Frank, feierlich eröffnet; in der "Akademio Internacia de la Sciencoj" arbeiten seit zwei Jahrzehnten esperantosprachige Wissenschaftler aus mehreren Dutzend Ländern zusammen. Anlässlich der Eröffnung findet vom 21. bis zum 24. Februar 2003 eine Fachtagung zu Europa-Wissenschaften und Hochschulpädagogik mit den Arbeitssprachen Deutsch, Esperanto und Rumänisch statt.

Internationale Zusammenarbeit von Universitäten

In den Vorträgen der Fachtagung wird unter anderem die jüngere Entwicklung des Deutschen in Rumänien (Johana Bottesch), die Mehrsprachigkeit Europas (Siegfried Piotrowski) sowie der Einsatz von Computer und Internet im Hochschul-Unterricht und die Möglichkeiten internationaler Zusammenarbeit behandelt. Die Studienkurse behandeln Themen wie die Entwicklung von traditioneller Kultur zur heutigen Kulturpolitik (Alicia Lewanderska-Quednau) und einen Überblick über Europa-Wissenschaften (Günter Lobin). Etwa die Hälfte der Veranstaltungen findet in Esperanto statt.

 

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