Über Esperanto 

11 - 20 (55)
 
 

"Esperanto in der EU". Diskussionspapier des Vereins EsperantoLand

2019-05-10

Schon vor einiger Zeit hat der Verein EsperantoLand seine Auffassungen zu "Esperanto in der Europäischen Union" in einem Papier dargelegt ( Stand Mai 2015). Kernpunkt ist die Anregung an die EU-Kommission, dass "Esperanto als eine in der EU gesprochene Sprache" anerkannt und dokumentiert wird. Weiterhin sollten Esperanto-Unterricht und -Verwendung ähnlich gefördert werden wie bei anderen Sprachen der EU.

Das Papier regt ferner an,
- dass Esperanto als Wahlfach an Schulen und Unis angeboten werden soll (so wie heute schon z. B. in Ungarn),
- dass an Schulen eine oder zwei Unterrichtsstunden über Esperanto angeboten werden sollen (zumal der Wissensstand zu Esperanto gering ist und auch viele unzutreffende Gerüchte in Umlauf sind),
- dass die EU-Kommission dies koordiniert gemäß ihrer Aufgabe, in Bereichen wie Bildung, Jugend und Kultur eine Koordination der Politik der EU-Mitgliedsländer zu unterstützen.

In der Einleitung wird die heutige Situation der Esperanto-Sprachgemeinschaft in der EU dargestellt. So heißt es u. a.: "Zumindest hunderttausend EU-Bürger sprechen Esperanto ausreichend, um es nutzen zu können." Diese Zahl ergibt sich aus verschiedenen Schätzungen über die Zahl der Esperanto-Sprecher weltweit und dem Anteil der europäischen Mitglieder des Esperanto-Weltbundes im Vergleich zur Gesamtzahl der Mitglieder dieses Verbandes: Die Sprachen-Seiten ethnologue.com geben etwa 2 Millionen Esperanto-Sprecher weltweit an, unter Bezug auf einen Artikel von Amri Wandel (2015, How many people speak Esperanto?). Der Esperanto-Weltbund gibt für 2017 eine Gesamtzahl von 4365 sog. "individuellen" Mitgliedern an (d. h. Direktmitglieder, nicht über Landesverbände; Zeitschrift Esperanto, majo 2018, S. 119). Von diesen Mitgliedern leben 2262 in einem der 28 Länder der EU (z. B. Deutschland 440, Frankreich 418, Belgien 114, Polen 100, ...), also etwa die Hälfte der weltweiten Mitglieder des Esperanto-Weltbunds. Es ist anzunehmen, dass auch die Verteilung der Esperanto-Sprecher nicht sehr stark von dieser Verteilung der Mitglieder abweicht; daher kann davon ausgehen, dass von den genannten etwa zwei Millionen Esperanto-Sprechern weltweit etwa eine Million in der EU leben. Die Angabe in dem Diskussionspapier geht von einer Mindestzahl von hunderttausend aus, um Diskussionen um Zahlen zu vermeiden.

 

Esperanto als Hauptsprache von Einzelpersonen

2019-05-04

en Esperanto

auf englisch

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Verwendung des Esperanto mehr und mehr zugenommen. Dies zeigt sich auch daran, dass es mittlerweile zumindest etwa hundert Personen gibt, für die Esperanto zur Hauptsprache geworden ist, also zu der Sprache, die sie mehr nutzen als ihre anderen Sprachen.

So oft und so lange nutzen Esperanto unter anderem Angestellte von Esperanto-Organisationen, von denen viele auch zuhause mit ihrem Partner und ihren Kindern Esperanto sprechen. Andere nutzen Esperanto viel in ihrer freien Zeit, eventuell neben einer Teilzeittätigkeit oder im Rentenalter. Manche arbeiten auch als ehrenamtliche Mitarbeiter in einer Esperanto-Organisation oder in Internet-Projekten.

Bei einer Befragung auf Facebook (Gruppe "Esperanto") haben zwischen dem 17. Juli 2018 und dem 4. Mai 2019 insgesamt 88 Personen mitgeteilt, dass sie Esperanto in den vergangenen zwölf Monaten in mehr als 50 % ihrer Zeit genutzt haben; in den ersten drei Wochen, bis zum 11. August 2018, haben dies 57 Personen ausgewählt, bis Ende August 76 Personen.

Die Frage lautete (übersetzt aus dem Esperanto): In welchem Anteil der Zeit des Jahres nutzt du Esperanto? (Beispiel: Vielleicht arbeitest du in einer nationalen Sprache, nutzt zuhause Esperanto, machst vier Wochen in einem Esperanto-Umfeld Ferien. Also ergibt sich vielleicht während eines Arbeitstages 30 % Esperanto, am Wochenende 80 %; im Mittel während einer Woche vielleicht 5x30+2x80=310; 310/7 ~ 45 % Esperanto. Im Jahr 11x45+1x100 ~ 600; 600/12 ~ 50 %).
ZUSATZ. Zur Präzision und Erklärung:
In welchem Teil der vergangenen 12 Monate hast du in etwa Esperanto genutzt?

Nach Stand vom 4. Mai haben außer den 88 Personen, die angaben, Esperanto in mehr als 50 % ihrer Zeit zu nutzen, weitere 71 Personen mitgeteilt, dass sie Esperanto in 26 bis 50 % ihrer Zeit nutzen. In 11 bis 25 % der Zeit nutzen laut der Befragung 35 Personen Esperanto. Für 0 bis 10 % entschieden sich 224 Personen. Insgesamt haben also 418 Personen teilgenommen. Es sei darauf hingewiesen, dass die Befragung offen ist, nicht etwa anonym - jeder Facebook-Nutzer kann die Liste der Personen für die einzelnen Möglichkeiten einsehen.

Man kann vermuten, dass es außer den Personen, die an der Befragung teilgenommen haben, weitere Personen gibt, bei Facebook oder außerhalb, für die Esperanto mittlerweile zur Hauptsprache geworden ist. Natürlich mag es auch unzutreffende Angaben oder Fehlschätzungen geben - dies dürfte allerdings selten vorkommen. Insgesamt ist also anzunehmen, dass die Zahl der Personen mit Esperanto als Hauptsprache derzeit im Bereich zwischen hundert und mehreren hundert Personen anzusiedeln ist.

Als Beispiele von Personen mit Esperanto als Hauptsprache seien zwei Väter von esperantosprachigen Kindern (aus dem Bekanntenkreis des Autors) vorgestellt. Beide arbeiten seit vielen Jahren bei Esperanto-Projekten mit, die in starkem Maße an das Internet geknüpft sind; beide gehen keiner anderen Arbeit nach. Die Partnerin des einen (der andere hat derzeit keine Partnerin) sowie ein sehr großer Anteil der Freunde und Bekannten der beiden sprechen Esperanto; der Kontakt mit diesen wird persönlich sowie per Internet gepflegt. Beide nehmen mehrmals im Jahr an Esperanto-Veranstaltungen teil, die oft eine Woche dauern. An Kontakten zur nicht-esperantosprachigen Außenwelt bleibt zum einen ein Teil der Familie, zum anderen der Einkauf; hierzu wurde mitgeteilt, dass heutzutage das Einkaufen praktisch ohne Worte ablaufe (teils über automatische Kassen) und dass der Kontakt zur restlichen Familie nur alle paar Wochen stattfindet (bzw. im Falle des andern noch seltener, da er in einem anderem Land lebt). Die beiden Personen haben einen Esperanto-Anteil an ihrer sprachlichen Kommunikation von 85 bzw. 95 % angegeben.

Louis v. Wunsch-Rolshoven
EsperantoLand

 

Esperanto - eine weltweite "Verkehrs- und Bildungssprache"

2019-03-12

Esperanto hat 1000 MuttersprachlerInnen und etwa 2 Millionen Esperanto-SprecherInnen (Nutzer) insgesamt, so der Sprachinformationsdienst ethnologue.com. Esperanto wird als eine "Verkehrs- und Bildungssprache" angesehen (Stufe 3 der dreizehnstufigen EGIDS-Skala zur Bewertung von Sprachen; Stufe 1 ist eine Nationalsprache wie Deutsch, ab Stufe 6 werden Minderheitensprachen aufgeführt).

SIL International: Erforschung von Sprachen

Die Internetseiten ethnologue.com werden von SIL International herausgegeben (ursprünglich Summer Institute of Linguistics), einer christlich orientierten, wissenschaftlichen Organisation, die sich im Sprachenbereich laut Selbstdarstellung der Erforschung, Übersetzung, dem Training und der Entwicklung von Materialien widmet. Die Seiten und die seit 1951 herausgegebene Buchversion gelten als Standardwerk zur Beschreibung der Sprachen der Welt.

Die Skala EGIDS

Die Skala EGIDS (Erweiterte Abgestufte Intergenerationelle Veränderungsskala; Expanded Graded Intergenerational Disruption Scale) gibt eine Einschätzung der Vitalität bzw. Gefährdung von Sprachen. Die Stufe 3 für Esperanto zeigt an, dass Esperanto u. a. in Massenmedien verwendet wird und im Kontakt zwischen verschiedenen Regionen.

Eine deutschsprachige Beschreibung von EGIDS mit Quellen findet sich in der Wikipedia.

Beschreibung des Esperanto 2005 bis 2016

Im Zeitraum von 2005 bis 2016 war die Beschreibung des Esperanto bei ethnologue einigen Veränderungen unterworfen. Von zumindest August 2005 bis Dezember 2008 wurde die "Bevölkerung" (offensichtlich: die Zahl der Muttersprachler) mit 200 bis 2000 angegeben; weiterhin wurden 2 Millionen Zweitsprecher erwähnt. Zumindest ab August 2009 bis Dezember 2012 war bei Bevölkerung zu lesen, es sei keine Schätzung verfügbar; eine Bibliographie zu Esperanto als Muttersprache ist auf den Seiten zu Esperanto-Muttersprachlern in der Esperanto-Wikipedia zu finden, mit etwa einem Dutzend Artikeln bis 2006, allerdings wohl lediglich zwei davon auf Englisch in bekannteren Zeitschriften.

Nach Einführung der Skala EGIDS war Esperanto zunächst auf Stufe 6a eingeordnet (lebhaft/gebräuchlich; 3/2013 bis etwa 2/2015); es folgte Stufe 5 (sich entwickelnd/beständige Schriftsprache, zumindest 5/2015 bis 1/2016). Danach erfolgte eine Einordnung auf Stufe 9 (nur Zweitsprache, 3/2016 bis etwa 12/2016) und seit etwa März 2017 die derzeitige Stufe 3.

Esperanto als Muttersprache und lebende Sprache

Die häufigen Veränderungen sind bemerkenswert; sie spiegeln vermutlich das weite Spektrum der Beurteilung der Sprache Esperanto innerhalb der Sprachwissenschaft wider. Für die Einordnung des Esperanto ist es sehr wesentlich, dass die etwa tausend Esperanto-Muttersprachler erwähnt werden - schließlich gilt etwas als "lebende Sprache", wenn eine muttersprachliche Gemeinschaft besteht.

Das Bild des Esperanto in der Öffentlichkeit

Es ist anzunehmen, dass die Informationen, die auf den Seiten von ethnologue.com in früheren Jahren zu finden waren, gelegentlich das Bild des Esperanto in der Öffentlichkeit oder bei Fachleuten beeinträchtigt haben. Den Herausgebern der Seiten ethnologue.com gebührt großer Dank, dass sie nun die tatsächliche Situation des Esperanto und seiner Sprachgemeinschaft darstellen.

Zur Vertiefung

Die Skala EGIDS ist eine Weiterentwicklung der 1991 von J. A. Fishman vorgestellten Skala GIDS (Fishman, J. A., 1991, Reversing language shift, Clevedon, UK, Multilingual Matters Ltd.). EGIDS wurde 2010 in einem Artikel von M. Paul Lewis und Gary F. Simons erläutert ( Assessing endangerment: Expanding Fishman's GIDS. Revue Roumaine de Linguistique 55(2). April 2010. Hinweis: Der Verweis führt zu einer Vorversion von Sept. 2009). M. Paul Lewis ist der Herausgeber von Ethnologue: Languages of the World; Gary F. Simons ist u. a. geschäftsführender Direktor von Ethnologue.

Die Einordnung des Esperanto in Stufe 3 nach der Skala EGIDS ergibt sich aus dem Entscheidungsbaum auf S. 30 des Artikels; Esperanto ist eine nicht offizielle Verkehrssprache (vehicular).

Louis F. v. Wunsch-Rolshoven

Großen Dank für mehrere Anregungen zu diesem Text an Claudia Hamelbeck und Bernhard Pabst.

[ethnologue.com]

 

Esperanto in Kroatien als immaterielles Kulturgut anerkannt

2019-02-26

Die Republik Kroatien hat die Esperanto-Tradition in Kroatien als immaterielles Kulturgut anerkannt. Damit werden Esperanto und die Esperanto-Kultur auch vom Staat geschützt und gefördert, etwa in Bibliotheken und Archiven. Die Entscheidung des kroatischen Kulturministeriums vom 11. Februar wurde erst vor kurzem bekannt.

In der Entscheidung werden verschiedene Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung des Kulturguts aufgeführt, u. a. die Sicherung der öffentlichen Verfügbarkeit. Auch Schulung sowie wissenschaftliche Behandlung werden erwähnt.

Aktualisierung 14. März 2019

Ein Bericht über die Anerkennung von Esperanto in Kroatien ist im Eŭropa Bulteno 2/2019 erschienen (S. 1-2); dort ist auch eine Esperanto-Übersetzung der Entscheidung zu finden (S. 3-6); Texte in Esperanto übersetzt Google Translate.

 

Sprachwissenschaften und Esperanto. Ein Skript im Internet

2019-02-18

In den vergangenen Jahren ist zunehmend deutlich geworden, dass über Esperanto und die Esperanto-Sprachgemeinschaft an vielen Stellen Informationen verbreitet werden, die unvollständig sind, irreführend oder einfach unzutreffend. Bedauerlich ist, dass auch in den Sprachwissenschaften unzutreffende Annahmen über Esperanto verbreitet sind und auch gegenüber der Öffentlichkeit geäußert werden.

So wurde z. B. schon 1904 das erste Mädchen geboren, das mit Esperanto als Muttersprache aufgewachsen ist; heute gibt es etwa tausend Esperanto-Muttersprachler. Damit erfüllt Esperanto alle Kriterien, die von verschiedenen Seiten an eine Bezeichnung als "lebende Sprache" geknüpft werden - neben der Existenz von Muttersprachlern gibt es ja auch eine intensive Nutzung der Sprache in sehr vielen Bereichen; vgl. auch den Beschluss der Ungarischen Akademie der Wissenschaften von 2004, dass Esperanto zur Kategorie der lebenden Sprachen gehört.

Die Tatsache, dass es mit etwa tausend Personen durchaus eine stabile muttersprachliche Gemeinschaft gibt, scheint in den Sprachwissenschaften wenig bekannt zu sein; eine kleine Umfrage unter vier AssistentInnen ergab 2015, dass alle vier nichts von Esperanto-Muttersprachlern wussten. Ebenso gibt es SprachwissenschaftlerInnen, die unzutreffenderweise behauptet haben, es gebe keine Esperanto-Literatur, keine Autoren, keine Wortspiele und Esperanto sei überhaupt keine richtige Sprache - das alles ist falsch.

 

Überblick


Unzutreffende Aussagen zu Esperanto
Wieviel Esperanto stammt von Zamenhof?
Eine "künstliche" Sprache?
Klassifikation nach Ursprung oder Funktion?
Sprache keiner Gesellschaft?
Merkmale der Esperanto-Sprechergemeinschaft (Artikel)
Wie "künstlich" sind geplante Sprachen?
Ist wichtig, wie "gut" Interlingua ist?
Warum eigentlich Esperanto?
Zusammenfassung: Was erwähnt das Skript nicht?
Grundkenntnisse zur Esperanto-Sprachgemeinschaft im Grundstudium der Linguistik


 

Unzutreffende Aussagen zu Esperanto

Eine Reihe von unzutreffenden Aussagen über Esperanto, insbesondere von SprachwissenschaftlerInnen, wurden von mir im Jahrbuch 2018 der Gesellschaft für Interlinguistik veröffentlicht: "Zum Bild des Esperanto aus der Sicht einiger Sprachwissenschaftler. Über verschiedene unzutreffende Aussagen zu Esperanto und seiner Sprachgemeinschaft". Dort ist einleitend als Kontrast die Wirklichkeit des Esperanto dargestellt - die zunehmende Verbreitung und Verwendung des Esperanto. Es werden außerdem auch eine Reihe von zutreffenden Darstellungen zu Esperanto durch SprachwissenschaftlerInnen erwähnt - das gibt es natürlich, auch von bekannteren Autoren wie Umberto Eco oder Harald Haarmann.

Weitere Recherchen im Internet fördern immer wieder neue Darstellungen des Esperanto zutage, die die Wirklichkeit der Esperanto-Sprachgemeinschaft kaum wiedergeben. So schreibt Prof. em. Dr. Christian Lehmann in einem Internet-Skript zu Grundbegriffen der Linguistik über Sprache: "Im Prinzip sind auch Welthilfssprachen bzw. Plansprachen wie Esperanto künstliche Sprachen, da auch sie von einzelnen Menschen entworfen wurden. Sobald es allerdings Kinder gibt, die sie als erste Sprache erwerben, und Sprachgemeinschaften, denen sie als erstes Mittel zur Kommunikation und Kognition dienen, sind sie von natürlichen Sprachen nicht mehr unterscheidbar." Man erwartet eigentlich, dass er nun darstellt, dass es sehr wohl Kinder gibt, die Esperanto als erste Sprache erwerben, und dass Esperanto durchaus für manche Menschen die Hauptsprache geworden ist, also die am meisten genutzte Sprache (wohl etwa hundert Personen) - aber Christian Lehmann führt das Thema Esperanto an dieser Stelle nicht fort.

Zum Überblick


 

Wieviel Esperanto stammt von Zamenhof?

Es ist sicher richtig, dass die Grundzüge des Esperanto von einem einzelnen Menschen entworfen wurden, aber bereits nach zwei Jahren (1889) gab es eine internationale Gemeinschaft um die Zeitschrift La Esperantisto mit etwa 500 Abonnenten. Von Prosa und Poesie über populär-wissenschaftliche Artikel bis zu Annoncen wurde ein breites Feld von Textsorten abgedeckt. Das erste Esperanto-Lehrbuch von 1887 enthielt die Grundregeln der Grammatik auf etwa fünf Seiten, ein großes Blatt mit etwa 920 Wortstämmen sowie etwa zwei Seiten Text in Esperanto, darunter bemerkenswerterweise drei Gedichte; Zamenhof wollte ganz offensichtlich eine Kultursprache schaffen, ausdrücklich "por ĉiuj civilizitaj popoloj", und eine Kultursprache ist ja auch erfreulicherweise entstanden.

Mittlerweile sind Grammatiken des Esperanto mehrere hundert Seiten dick. Die Zahl der Wortstämme war schon 1970 auf über 15.000 angestiegen; das aktuelle Esperanto-Deutsch Wörterbuch (Erich-Dieter Krause) von 2018 verzeichnet 150.000 Wörter. Es sind bisher etwa 10.000 Esperanto-Bücher erschienen (ergänzend gibt es natürlich viel sonstigen Text; alleine die Esperanto-Wikipedia umfasst jetzt eine Viertelmillion Artikel - diese Textmenge entspricht vielen hundert Büchern).

Zum Überblick


 

Eine "künstliche" Sprache?

Es ist daher wohl nicht überraschend, dass der Linguist Harald Haarmann schon 2001 formulierte: "Obwohl Esperanto als Plansprache konzipiert wurde, ist es inzwischen eine lebende Sprache und seine Definition als «künstliche» Sprache mutet heutzutage eher künstlich an. Es ist nicht abwegig, Esperanto als natürliche Sprache zu kategorisieren." Jouko Lindstedt listet 2006 drei Eigenschaften natürlicher Sprachen auf, die auch bei Esperanto zu finden sind: Die Norm des Esperanto ist teilweise nicht kodifiziert (daher: volle Erlernbarkeit nur durch die Praxis; Lernmaterial alleine genügt nicht), grammatischer und lexikalischer Wandel, Muttersprachler (Abschnitt "Properties of natural language in Esperanto" in "Native Esperanto as a Test Case for Natural Language").

In der Tat ist das heutige Esperanto von ethnischen Sprachen wie Deutsch oder Italienisch beim täglichen Sprachgebrauch kaum noch zu unterscheiden. Es stellt sich die Frage, welche Unterschiede bleiben. So ist festzustellen, dass eine Grundmenge von grammatischen Regeln entsprechend der Übereinkunft über die Grundlagen der Sprache von 1905, dem sog. Fundamento, unveränderbar sein soll; zum anderen nimmt Esperanto weit weniger neue Wortstämme auf als etwa das Deutsche; es bildet neue Begriffe sehr oft aus schon Vorhandenem: Statt der neuen Wörter Handy und Smartphone wurden die Begriffe im Esperanto aus bekannten Wortwurzeln gebildet; ein Handy ist ein poŝtelefono ("Taschentelefon"), ein Smartphone zumeist ein saĝtelefono ("kluges Telefon"); so bleibt die raschere Erlernbarkeit des Esperanto weitgehend erhalten. Ergänzend ist Esperanto natürlich eine Diaspora-Sprache und eine internationale Sprache, was gewisse Unterschiede zu den meisten ethnischen Sprachen bedingt.

Zum Überblick


 

Klassifikation nach Ursprung oder Funktion?

Weiter unten auf derselben Internet-Seite stellt Christian Lehmann in einem Baumdiagramm eine systematische Aufschlüsselung der Kognitions- und Kommunikationsmittel dar, also menschliche und tierische Sprachen oder Kommunikationssysteme. Menschliche Sprache wird in "natürliche" und "künstliche" Sprache aufgeteilt, sodass eine Sprache wie Esperanto in der Nähe von logischen und Programmiersprachen eingeordnet ist, fernab von Lautsprachen wie Deutsch oder Vietnamesisch. Es ist sehr freundlich, dass Christian Lehmann auf einen Hinweis hin einen Nachsatz angefügt hat: "Selbstverständlich sind andere Klassifikationskriterien denkbar. Man könnte die menschlichen Sprachen, statt nach dem Kriterium ihres Zustandekommens nach dem Kriterium ihrer Funktion einteilen, z.B. in ‘zwischenmenschliche vs. formale Sprachen’. Dann wäre der Zweig der Welthilfssprachen unterhalb der Ebene der Lautsprachen anzusiedeln."

Zum Überblick


 

Sprache keiner Gesellschaft?

Auf einer anderen Seite seines Internet-Skripts behandelt Christian Lehmann die "Soziologie einer Sprache als ganzer". Hier ist einleitend unter der Überschrift "Natur der Sprache" zu lesen, dass eine "natürliche" Sprache Kommunikationsmittel mindestens einer Gesellschaft ist - im typischen Falle eine traditionelle Sprache. Lehmann erwähnt, dass unter den Begriff marginal auch Pidginsprachen und aussterbende Sprachen fallen. Er führt fort: "Eine Plansprache oder Welthilfssprache dagegen ist Sprache keiner Gesellschaft." In der Folge wird auf das 1887 von Ludwik Zamenhof veröffentlichte Esperanto sowie auf Volapük und Interlingua hingewiesen.

Es wirkt etwas überraschend, dass die Frage der historischen Entstehung einer Sprache damit verknüpft sein soll, ob diese Sprache später das Kommunikationsmittel einer Gesellschaft ist. In der Tat verweist der Soziologe Nikola Rašić in seinem Buch "La Rondo Familia" (1994), in dem er ein knappes Dutzend soziologischer Untersuchungen der Esperanto-Sprachgemeinschaft vorstellt, auf einen Prozess der gesellschaftlichen Transformation von einer Reformbewegung zu einer alternativen Kultur, zu einer Mikrogesellschaft, die parallel zu einer Makrogesellschaft existiert, diese ergänzt und sich im wesentlichen selbst genügt. Auch Sabine Fiedler, seit so manchem Jahrzehnt anerkannte Interlinguistin und Esperantologin, schreibt in ihrem Beitrag "Kultur und Plansprache: Betrachtungen zum Esperanto" für den Sammelband "Kaleidoskop der Kulturen" (2010) über die "Mikrogesellschaft der Esperanto-Sprachgemeinschaft" (S. 183).

Hinweise auf die Bildung einer Mikrogesellschaft kann auch die Tatsache geben, dass bei aktiven Esperanto-Sprechern in vielen Fällen Partner und Kinder auch Esperanto sprechen: Nach der eigenen Untersuchung von Rašić (unter Teilnehmern von drei Esperanto-Kongressen, um 1985) haben zwei Drittel der Befragten, die in einer Partnerschaft leben, einen esperantosprachigen Partner. Bei den Antwortenden mit Kindern sprechen 45 % der Kinder ebenfalls Esperanto (a.a.O., S. 153). Die Herkunft der Lehmannschen Annahme, eine Plansprache sei Sprache keiner Gesellschaft, ist unklar.

 
Über die Merkmale der Esperanto-Sprechergemeinschaft informiert eine Reihe von Artikeln, etwa:

Richard E. Wood (1979). A Voluntary Non-ethnic, Non-territorial Speech Community . In: William F. Mackey and Jacob Ornstein (eds.), Sociolinguistic Studies in Language Contact. The Hague: Mouton, 433-450.

Sabine Fiedler (2006). Standardization and self-regulation
in an international speech community: the case of Esperanto. Int’l. J. Soc. Lang. 177 (2006), 67–90 Zusammenfassung

Kimura Goro Christoph (2012). Esperanto and minority languages: A sociolinguistic comparison. In: LPLP 36(2), 167-181. Zusammenfassung

Zum Überblick


 

Wie "künstlich" sind geplante Sprachen?

Unter der Überschrift "Anwendungen der Linguistik" stellt Christian Lehmann die Interlinguistik vor, die Lehre von den Plansprachen. Er benutzt auch hier den Begriff "künstliche Sprachen", der seit den 1930-er Jahren in der Interlinguistik weniger und weniger üblich ist (der Begriff „Plansprachen“ wurde vom Begründer der Terminologiewissenschaft und Esperanto-Lexikographen Eugen Wüster geprägt). In der Interlinguistik herrscht eher das Verständnis, dass vielleicht das Zusammenfügen der Elemente aus ethnischen Sprachen bis 1887 ein künstlicher Vorgang war, dass aber die Entwicklung und Verwendung des Esperanto seither sehr ähnlich sind wie bei allen anderen menschlichen Sprachen.

Zum Überblick


 

Ist wichtig, wie "gut" Interlingua ist?

Neben Volapük und Esperanto wird auch das 1951 veröffentlichte Interlingua erwähnt, das von Sprachwissenschaftlern entwickelt wurde. Dies sei "die unter linguistischem Gesichtspunkt beste bisher vorgeschlagene Plansprache". Welche linguistischen Kriterien hierbei Verwendung fanden, wird nicht erläutert; ebenso wenig findet sich eine Darlegung, warum Interlingua dem Esperanto überlegen sein soll.

In der Praxis ist Interlingua jedenfalls wenig zu finden. Die ungarische Volkszählung 2001 hat 4570 Esperanto-Sprecher ermittelt sowie 2 Sprecher des Interlingua. ( 2011 wurden übrigens 8.397 Esperanto-Sprecher gezählt, ein Zuwachs von 84 % in zehn Jahren.) Vielleicht ist auch die Frage zu stellen, ob sich aus dem Sprachprojekt Interlingua durch ausreichend viel Sprachgebrauch in verschiedenen Gebieten bis heute eine wirkliche Sprache entwickelt hat.

Die Frage, ob Interlingua unter irgendwelchen Kriterien ein wenig besser ist als Esperanto, kann man diskutieren - allerdings sollte berücksichtigt werden, dass die Menschen in der Regel eine neue Lösung für eine Aufgabe erst dann annehmen, wenn die Lösung erheblich vorteilhafter ist als die bisherige. Ich meine mich zu erinnern, dass der Management-Denker Peter F. Drucker aufgrund historischer Studien über die Wirtschaftsentwicklung etwa 30 % als untere Grenze für die notwendige Rationalisierung durch eine solche neue Lösung angegeben hat - erst dann hat das Neue eine Chance; bei einem geringeren zu erwartenden Vorteil schätzen die Menschen den Aufwand für den Wandel als zu hoch ein und ebenso das Risiko nicht erfüllter Erwartungen. Diese Überlegung erlaubt es zu erklären, warum Volapük eine Sprachgemeinschaft bilden konnte, warum Esperanto das Volapük ablöste und warum seither keine andere Neu-Entwicklung einer geplanten Sprache dem Esperanto die hier führende Rolle streitig machen konnte: Volapük bot die notwendige schnellere Erlernbarkeit gegenüber den nationalen Sprachen, Esperanto war gegenüber Volapük erheblich einfacher und schneller zu erlernen - und seither hat es anscheinend keine weitere Entwicklung geschafft, einen signifikanten Fortschritt gegenüber Esperanto zu erreichen. Esperanto scheint ausreichend gut zu sein, um insofern keine Konkurrenz zu haben.

(Eine andere Frage ist, warum die Verbreitung des Esperanto nicht schneller geschieht. Festzustellen ist zunächst, dass Esperanto im 20. Jahrhundert von etwa 1000 Personen auf eine Größenordnung von etwa 100.000 aktiven Sprechern angewachsen ist. Ob das schnell oder langsam ist, ist schwer zu entscheiden - zumindest war der prozentuale Zuwachs größer als bei praktisch allen anderen Sprachen. Ansonsten ist zu berücksichtigen, dass das Neue so manchen Feind hat, s. Gunter Dueck (2013). Das Neue und seine Feinde: Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen. ( Buch-Einleitung.) Weiterhin verbreiten sich Innovationen nach dem Modell der "Diffusionstheorie" - dies bedeutet u. a., dass die Anzahl der möglichen Anwender zunächst bei nur 2 % der späteren Anwender liegt, während 98 % praktisch unerreichbar sind, solange die tatsächlich schon stattfindende Anwendung noch weitgehend unbekannt ist; vgl. Wunsch-Rolshoven. Verbreitung von Ideen... 2012 sowie eine engl. Darstellung der sog. "Adopter categories".)

Zum Überblick


 

Warum eigentlich Esperanto?

Im letzten Absatz zur Interlinguistik ist bei Lehmann zu lesen: "Eine Plansprache auszuarbeiten ist zweifellos eine Tätigkeit der Angewandten Linguistik. Allerdings gibt es schon Hunderte davon (...)"; Lehmann verweist noch darauf, dass die mit Abstand verbreitetste internationale Verkehrssprache Englisch ist.

Anzumerken ist, dass in der Praxis die Ausarbeitung weiterer Plansprachen oder Plansprachprojekte im Bereich der Interlinguistik keine große Rolle spielt. Vielleicht ist es auch nicht sinnvoll, die Hunderte von Plansprachprojekten allesamt als "Sprachen" zu bezeichnen; schließlich braucht ein Sprachentwurf, um den bestehenden Sprachen bezüglich der Funktion annähernd ebenbürtig zu sein, weit mehr als nur ein erstes Lehrbuch oder gar nur einige Notizen - nötig sind eine Fülle von Anwendungsbereichen und tatsächliche Verwendung, am besten täglich; dies fand oder findet sich wohl nur bei einer Handvoll von tatsächlichen Plansprachen (und eingeschränkt bei sog. "Semiplansprachen").

Dass Englisch weiter verbreitet ist als Esperanto, das ist auch in der Esperanto-Sprachgemeinschaft bekannt; Englisch-Kenntnisse sind bei Esperanto-Sprechern häufiger anzutreffen als in der allgemeinen Bevölkerung. Was bringt Esperanto-Sprecher also dazu, außer Englisch und anderen Sprachen auch Esperanto zu lernen und zu sprechen?

Bekanntlich kann man Esperanto weit schneller lernen als andere Sprachen; viele Esperanto-Sprecher berichten davon, dass sie schon nach etwa zwanzig Esperanto-Lernstunden angefangen haben, Esperanto in der Praxis zu nutzen (und zwar passiv und aktiv). In meinem Beitrag zum Bild des Esperanto unter Sprachwissenschaftlern wurden einige Studien zur rascheren Erlernbarkeit des Esperanto zitiert; in der Regel kann angenommen werden, dass die ersten hundert Stunden Esperanto so viel Kompetenz erbringen wie etwa der vierfache Aufwand in den meisten Sprachen wie Englisch oder Französisch. Auch später ist Esperanto weit schneller zu erlernen, und insbesondere ist die Grammatik mit begrenztem Aufwand beherrschbar. In der Studie von Nikola Rašić geben 18 % der Befragten an, dass sie sich in Esperanto so sicher fühlen wie in ihrer Muttersprache, 12 % teilen mit, dass sie sich etwas weniger natürlich ausdrücken können als in ihrer Muttersprache, 44 % fühlen sich sicherer als in ihren anderen Fremdsprachen (a. a. O., S. 162); insgesamt ergeben sich also 74 % der Befragten, die sich in Esperanto sicherer oder erheblich sicherer als in anderen Fremdsprachen fühlen, bis hin zu einem muttersprachlichen Niveau. Dies wird von vielen Esperanto-Sprechern als ein großer Vorzug der Sprache geschildert - man hat eine deutlich bessere Chance, sehr gut zu werden, als in anderen Fremdsprachen. Vielleicht ist es daher nicht sehr erstaunlich, dass 39 % der Befragten angeben, dass sie in Esperanto Artikel für Zeitschriften schreiben, 26 % übersetzen auch.

Ein weiterer Punkt, der Menschen zu Esperanto bringt, ist die internationale Sprachgemeinschaft sowie seine relative Neutralität - Esperanto lernen bedeutet, dass alle Seiten einen Schritt aufeinander zu machen.

Zum Überblick


 

Zusammenfassung: Was erwähnt das Skript nicht?

Man kann sich die Frage stellen, was ein Student oder eine Studentin über Esperanto aus diesem Internet-Skript lernt - insbesondere in Bezug auf die in dem erwähnten Beitrag "Zum Bild des Esperanto aus der Sicht einiger Sprachwissenschaftler" zusammengetragenen unzutreffenden Aussagen über Esperanto.

Leider fehlt im Skript die Erwähnung der Esperanto-Praxis vollständig - es wird sogar behauptet, Esperanto sei Sprache keiner Gesellschaft. Man lernt nicht, dass es etwa tausend Esperanto-Muttersprachler gibt; damit wird nicht klar, dass Esperanto zu einer lebenden Sprache geworden ist; dies wird auch nicht in anderer Weise mitgeteilt.

Man lernt auch nicht, dass es etwa hundert Personen mit Esperanto als Hauptsprache gibt, dass die Zahl der aktiven Sprecher auf ein paar hunderttausend Menschen geschätzt wird und die Zahl der bisherigen Esperanto-Lerner auf ein paar Millionen; bei Duolingo fangen derzeit jährlich etwa 800.000 Lerner mit Esperanto an. Es gibt auch keine Erwähnung der Esperanto-Literatur, der Esperanto-Lieder oder der Wortspiele. Auch der Sprachwandel in Esperanto findet keine Beachtung.

Man kann sicher argumentieren, das meiste hiervon zu vermitteln sei nicht Aufgabe einer Einführung in die Sprachwissenschaft. Aber ist es wirklich sinnvoll, jungen SprachwissenschaftlerInnen all das vorzuenthalten? Ist es nicht eine sprachwissenschaftlich bemerkenswerte Erkenntnis des vergangenen Jahrhunderts, dass es möglich war, eine geplante Sprache nicht nur zu entwerfen, sondern sie auch zum Leben zu erwecken, mit einer Sprachgemeinschaft in über hundert Ländern weltweit und sogar einer muttersprachlichen Gemeinschaft?

Wann später in ihrer sprachwissenschaftlichen Ausbildung werden die jungen StudentInnen mehr über Esperanto erfahren? Wenn dies zu keinem Zeitpunkt mehr erfolgt, dann weiß die nachwachsende Generation genausowenig über Esperanto wie die vorherige und es ist abzusehen, dass sie gegenüber jüngeren Kollegen, Journalisten, in Artikeln und Büchern möglicherweise dieselben unzutreffenden Aussagen zu Esperanto machen werden, die die älteren LinguistInnen seit Jahrzehnten gemacht haben. Ist das wirklich gut, für alle Beteiligten? Dient das dem Ansehen der Wissenschaft?

Zum Überblick


 

Grundkenntnisse zur Esperanto-Sprachgemeinschaft im Grundstudium der Linguistik

Meine Anregung geht dahin, dass jede/r StudentIn der Linguistik im Grundstudium die wichtigsten Informationen nicht nur zu Esperanto, sondern auch zur Esperanto-Sprachgemeinschaft einschließlich der muttersprachlichen Gemeinschaft erfahren sollte. Erst dann ist die nachwachsende Generation auch ausreichend gewappnet für die Fragen zu Esperanto, die JournalistInnen erfahrungsgemäß VertreterInnen der Sprachwissenschaft immer mal wieder zu stellen pflegen; mit der zunehmenden Verbreitung des Esperanto und der dank des Internet zunehmenden Sichtbarkeit dürfte diese Tendenz zunehmen.

Zum Überblick

Louis F. v. Wunsch-Rolshoven

(Vielen Dank für sehr hilfreiche Hinweise an Sabine Fiedler und Bernhard Pabst.)

 

Anthropologische Untersuchung über die Esperanto-Sprachgemeinschaft in Berlin

2018-06-21

Vier Anthropologie-Studenten der Freien Universität Berlin (FU) haben im Rahmen einer einführenden Lehrveranstaltung die Esperanto-Sprachgemeinschaft in Berlin untersucht. Jetzt ist ihr Bericht "Esperanto in Berlin" im Internet verfügbar.

Zu den untersuchten Fragen gehörte unter anderem, ob die Esperanto-Sprecher in Berlin eine "Sprachgruppe" im Sinne der Anthropologie bilden. Zum Kern der Untersuchung entwickelte sich die Frage, ob in Berlin durch die Vernetzung der Esperanto-Sprecher ein Zugehörigkeitsgefühl innerhalb der Sprachgruppe entsteht.

 

Esperanto als lebende Sprache

2017-05-08

Immer wieder taucht die Frage auf, ob die internationale Sprache Esperanto eine lebende Sprache ist. Die Ungarische Akademie der Wissenschaften hat das schon 2004 in einem Gutachten bestätigt.

Gutachten der Ungarischen Wissenschaftlichen Akademie 2004

Das Gutachten findet sich (auf Ungarisch) auf den Seiten eszperanto.hu. Eine Esperanto-Übersetzung kann man auf einer anderen Seite lesen ("Hungara Scienca Akademio"). Laut diesem Text hat das Sprachwissenschaftliche Institut der Ungarischen Wissenschaftlichen Akademie am 29. Januar 2004 in einer Antwort auf eine ministerielle Anfrage erklärt, dass es die "einhellige Auffassung von führenden Fachleuten des Sprachwissenschaftlichen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften" ist, "dass Esperanto zur Kategorie der lebenden Sprachen gehört. Bei einer eingehenderen, die Geschichte sowie den derzeitigen Stand der Sprache Esperanto berücksichtigenden Betrachtung ergibt sich, dass Esperanto a) weitgehend normiert ist, b) weitgehend in die Gesellschaft eingebettet, c) eine nicht-ethnische lebende Sprache ist, die innerhalb einer zweitsprachlichen Gemeinschaft alle denkbaren sprachlichen Funktionen erfüllt und gleichzeitig als Brückensprache funktioniert.

Das oben Gesagte gibt den wissenschaftlichen Standpunkt unseres Institutes wieder."

Esperanto-Prüfungen: Punkte für die Studienzulassung

Das Gutachten war eine der Grundlagen dafür, dass staatlich anerkannte Esperanto-Prüfungen weiterhin als Nachweis von Fremdsprachkenntnissen genutzt werden können. In Ungarn müssen Studenten ausreichende Fähigkeiten in einer oder zwei lebenden Fremdsprachen nachweisen - Esperanto ist hier zugelassen. 2016 wurde gemeldet, dass es für bestandene Esperanto-Sprachprüfungen Punkte bei der Aufnahme zum Studium gibt.

Über 35.000 Esperanto-Sprachprüfungen

Seit dem Jahr 2000 wurden in Ungarn über 35.000 staatlich anerkannte Esperanto-Sprachprüfungen abgelegt. Auf den Seiten der Aufsichtsbehörde nyak.hu sind die Zahlen der angemeldeten Prüflinge der letzten zehn Jahre veröffentlicht (auch nicht bestandene Prüfungen); Esperanto liegt mit 44.866 Kandidaten an dritter Stelle nach Englisch und Deutsch. Auf der Wikipedia-Seite "Statistiko de Esperantujo" finden sich die Zahlen für die bestandenen Prüfungen seit 2000.

Von einem Sprachprojekt zu einer lebenden Sprache

Die Tatsache, dass Esperanto im Laufe der Jahrzehnte zu einer lebenden Sprache geworden ist, wurde in wissenschaftlichen Veröffentlichungen bereits früher dargelegt. So veröffentlichte Alicja Sakaguchi 1992 einen Aufsatz " Der Weg von einem Sprachprojekt zu einer lebenden Welthilfssprache. Einige Aspekte des Statuswandels, dargestellt am Beispiel des Esperanto", erschienen in: Ulrich Ammon und Marlis Hellinger (Hrsg.). Status Change of Languages. De Gruyter, Berlin 1992. (Der Ausdruck "Welthilfssprache" ist mittlerweile nur noch selten zu finden, üblicher ist "geplante Sprache" oder "Plansprache".)

Etwa tausend Esperanto-Muttersprachler

Übliches Kriterium für die Frage, ob eine Sprache lebt, ist die Existenz von Muttersprachlern. Heute gibt es etwa tausend Esperanto-Muttersprachler, einige sogar schon in der zweiten oder dritten Generation, wie etwa bei dem Sprachwissenschaftler Harald Haarmann nachzulesen ist.

 

Ludwik Zamenhof, Schöpfer des Esperanto (Artikel)

2017-03-12

en Esperanto

Hundertster Todestag von Ludwik Zamenhof (14. April 2017)


(Autor: Louis v. Wunsch-Rolshoven)

Wenige Dinge sind mit dem menschlichen Leben so eng verbunden wie die Sprache, die wir sprechen. Sie begleitet uns von früh bis spät und sie ist die unerlässliche Basis für das menschliche Zusammenleben. Eine besondere Stellung unter den Erfindern nimmt daher Ludwik Zamenhof ein, der 1887 als 27-jähriger die Grundlagen seiner internationalen Sprache Esperanto veröffentlichte und der am 14. April 1917 starb, vor hundert Jahren. Zamenhof ist der einzige Autor einer geplanten Sprache, dessen Projekt auch zu einer lebenden Sprache mit reichhaltiger Kultur wurde.

Ein "beispielloser internationaler Erfolg"

Zu Recht hat die Nachrichtenagentur AFP vor kurzem Esperanto als „beispiellosen internationalen Erfolg“ bezeichnet. Diesen verdankt Esperanto vor allem der raschen Erlernbarkeit der Sprache – Esperanto kann man laut verschiedenen Schulversuchen in etwa einem Drittel bis einem Fünftel der Zeit lernen, die für andere Sprachen nötig ist.

Esperanto-Muttersprachler

Die internationale Sprache Esperanto hat sich inzwischen weltweit verbreitet. Esperanto-Sprecher gibt es heute in den allermeisten Ländern – man schätzt, dass ein paar Millionen diese Sprache gelernt haben und einige hunderttausend sie regelmäßig sprechen. Es gibt sogar schon etwa tausend Esperanto-Muttersprachler – eine naheliegende Entwicklung, wenn die Eltern regelmäßig zu internationalen Esperanto-Veranstaltungen fahren und oft Esperanto-Freunde zu Besuch haben. Schon 1901 schrieb Zamenhof, dass es für die Zukunft des Esperanto sehr hilfreich sei, wenn eine Gruppe von Menschen sie „als ihre Familiensprache annähme“ – 1904 wurde dann das erste Mädchen geboren, das mit Esperanto als einer ihrer Muttersprachen aufwuchs.

Bekannte Esperanto-Sprecher:
George Soros, J. R. R. Tolkien, Reinhard Selten

Zu den bekanntesten Menschen, die Esperanto sprechen oder sprachen, zählen der Investor George Soros, der Fantasy-Autor J. R. R. Tolkien und der Nobelpreisträger für Wirtschaft Reinhard Selten. Für den früheren deutschen Botschafter in Moskau, Ulrich Brandenburg, ist Esperanto Muttersprache.

Bücher und Esperanto-Lieder

Aus der Sprachgemeinschaft der Esperanto-Sprecher hat sich auch eine Kulturgemeinschaft entwickelt. Etwa zehntausend Esperanto-Bücher sind bisher veröffentlicht worden, jährlich kommen etwa 120 weitere hinzu. Bei youtube und an anderen Stellen finden sich reichlich Lieder in Esperanto. Da gibt es ein vielfältiges Angebot von Rockmusik und Schlagern bis Rap und HipHop.

Tägliche Nachrichten in Esperanto aus China

China veröffentlicht tägliche Nachrichten in Zamenhofs Sprache; dort wird auch eine Netz-Zeitschrift in Esperanto herausgegeben und es gibt Radio-Sendungen in Esperanto. Die Esperanto-Wikipedia hat über 230.000 Artikel und ist damit etwas größer als etwa die dänische oder hebräische Ausgabe. Die gesamte englische Wikipedia liegt in einer regelmäßig aktualisierten automatischen Esperanto-Übersetzung vor, WikiTrans, die für Esperanto-Sprecher vergleichsweise gut zu lesen ist – dank der einfachen Struktur des Esperanto. Übersetzungen in diese internationale Sprache bietet auch Google Translate an.

35.000 Esperanto-Prüfungen in Ungarn

In Ungarn hat sich die Zahl der Esperanto-Sprecher laut Volkszählung seit 1990 vervierfacht – damals wurden 2083 Esperanto-Sprecher gezählt, 2011 waren es 8397. Hintergrund ist neben der Öffnung Richtung Westen nach dem Ende des Kommunismus insbesondere die Tatsache, dass Esperanto in Ungarn offiziell als lebende Sprache anerkannt ist. So kann man bestandene Esperanto-Prüfungen an Hochschulen auch nutzen, um Fremdsprachenkenntnisse nachzuweisen oder um Punkte für die Aufnahme an der Hochschule zu sammeln. Das offiziell anerkannte Zertifizierungsinstitut Nyak hat daher seit 2001 mehr als 35.000 Esperanto-Prüfungen abgenommen – Esperanto liegt auf dem dritten Platz unter den angebotenen Sprachen, etwa gleichauf mit Französisch.

800.000 Esperanto-Lerner bei Duolingo

Mittlerweile wird Esperanto auf Dutzenden von Sprachlernseiten im Netz angeboten – wenn die Seiten zumindest 25 Sprachen im kostenlosen Angebot haben, ist Esperanto in der Regel dabei. Die meisten Lerner hat Duolingo.com sammeln können – dort haben sich bisher über 700.000 Lerner für die Esperanto-Kurse angemeldet. Seit kurzem gibt es neben dem bisherigen englischsprachigen Kurs auch einen spanischsprachigen; zusammen melden sich derzeit monatlich etwa 60.000 Menschen für das Erlernen der Sprache Zamenhofs an.

Unterdrückung und Verfolgung ab den dreißiger Jahren

In der Öffentlichkeit ist die weltweit zunehmende Verbreitung des Esperanto bisher noch wenig bekannt. Manchmal wird sogar geglaubt, niemand spreche mehr Esperanto. Das ist möglicherweise auf die Zeiten der Unterdrückung und Verfolgung der Esperanto-Sprecher zurückzuführen. Ab 1933 wurde Esperanto unter Hitler unterdrückt, fast alle Familienangehörigen von Zamenhof wurden später umgebracht und ab 1937 wurden Esperanto-Sprecher in Russland erschossen oder in Lager verfrachtet. Nach dem Krieg dehnten sich die Esperanto-Verbote zunächst auf praktisch ganz Osteuropa aus; in Rumänien wurden noch in achtziger Jahren Esperanto-Gruppen untersagt. Auch in Spanien und Portugal wurde Esperanto unter Franco und Salazar jahrzehntelang unterdrückt.

Schwieriger Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg

So war die Esperanto-Sprachgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg arg dezimiert und mancher Außenstehende hat wohl geglaubt, eine weitere Zukunft für Esperanto gebe es nicht. Die meisten Menschen hatten zunächst auch anderes im Sinn, als eine Sprache für Freizeit und Ferien zu lernen. Dazu kam, dass die Bemühungen, Esperanto auf politischem Wege voranzubringen, abgesehen von freundlichen Worten nicht viel erbrachten.

Ziele von Zamenhof …

In seinem ersten Lehrbuch von 1887 schreibt Zamenhof über die Ideen, die er mit seiner Sprache verband. Er nennt drei Hauptaufgaben: Zum einen solle die Sprache leicht erlernbar sein. Zum anderen solle sie nach dem Erlernen sofort für die internationale Kommunikation genutzt werden können, unabhängig davon, ob sie von der Welt anerkannt werde. Zum dritten sei ein Mittel zu finden, um dafür zu sorgen, dass die Sprache von einer großen Anzahl von Menschen gelernt und angewendet werde.

… und ihre Verwirklichung

Offensichtlich ist es Zamenhof geglückt, eine rasch erlernbare Sprache zu schaffen, die auch von einer im Laufe der Jahrzehnte – von Zeiten der Unterdrückung abgesehen – stetig wachsenden internationalen Sprachgemeinschaft gelernt und gesprochen wird. Vermutlich gibt es aber kein solches Zaubermittel, von dem Zamenhof träumte, um zu erreichen, dass eine große Zahl von Menschen Esperanto lernt. Es sieht danach aus, dass sich eine solche neue und zunächst ungewohnte Sache wie eine geplante Sprache nur allmählich mehr und mehr ausbreitet.

Offensichtlich sind auch Politiker nur selten zu dem Risiko bereit, sich mit der Unterstützung von etwas so Neuem die Finger zu verbrennen. Zamenhof meinte 1910 in seiner Rede beim sechsten Esperanto-Weltkongress in Washington, die Regierungen kämen mit ihrer Unterstützung gewöhnlich erst dann, wenn „alles schon ganz fertig“ sei. Das angestrebte Ziel sei daher vermutlich eher mit der Arbeit von Privatleuten zu erreichen.

Sprache des Verstehens

Die Idee, eine internationale und möglichst leicht zu erlernende Sprache zu erschaffen, hatte Zamenhof schon als Jugendlicher. Er wuchs in Bialystok auf, heute im nordöstlichen Polen, das damals zum russischen Zarenreich gehörte. Dort lebten verschiedene Volksgruppen, vor allem Juden, Polen, Russen und Deutsche; sie redeten in unterschiedlichen Sprachen und verstanden sich oft weder sprachlich noch menschlich.

Zamenhof wollte die Grundlagen legen, damit sich Menschen verschiedener Muttersprachen miteinander unterhalten können, um sich kennenzulernen und ihre Probleme friedlich zu regeln. 1906 betont er in seiner Kongressrede in Genf, man sei nicht so naiv, dass man glaube, eine neutrale Grundlage mache aus den Menschen Engel. Verständigung und Kennenlernen auf neutraler Grundlage würden aber zumindest einen großen Teil derjenigen Bestialitäten und Verbrechen beseitigen, die nicht von Böswilligkeit herrührten, sondern davon, dass man sich gegenseitig nicht kenne.

Ein langer Weg

Dass dieses Ziel nicht in kurzer Zeit zu erreichen ist, dessen war sich Zamenhof gut bewusst. In einer Rede 1907 in Cambridge spricht er davon, dass die Esperanto-Sprecher für Esperanto arbeiten, weil sie hoffen, dass früher oder später, „vielleicht nach vielen Jahrhunderten“, die Völker in Übereinstimmung eine große Familienrunde bilden. Mag das Ziel bezüglich der gesamten Menschheit auch utopisch sein – die Esperanto-Sprecher verwirklichen es bereits heute in ihrer internationalen Sprachgemeinschaft.

Viele Sprachen schon in der Kindheit und Jugend

Eine gute Grundlage für Zamenhofs Sprachschaffen waren seine Sprachkenntnisse. Er wuchs mit Jiddisch und Russisch auf, lernte Hebräisch und Polnisch und von seinem Vater, der lange Zeit Sprachlehrer war, Deutsch und Französisch. In der Schule standen auch Griechisch, Latein und Englisch auf dem Programm. So hatte Zamenhof einen breiten Überblick über die Grammatik verschiedener Sprachen und deren Wortschatz. Er wählte gemeinsame Strukturen und in vielen Sprachen verbreitete Wortstämme aus und fügte sie zu seiner eigenen Sprache zusammen – einfach aufgebaut und rasch erlernbar; möglichst viele Menschen sollten Wörter aus ihren Muttersprachen wiederfinden.

Erste Sprachversion mit 19

Zu seinem 19. Geburtstag, 1878, war eine erste Version einer „Lingwe Uniwersala“, einer Universalsprache, fertig, die er feierlich mit Klassenkameraden einweihte, auch mit einem Lied in der neuen Sprache. Nach dem Abitur studierte Zamenhof Medizin und wurde Augenarzt. Nebenher interessierte er sich unter anderem für die Struktur des Jiddischen und erstellte die weltweit erste jiddische Grammatik. Außerdem überarbeitete er seinen Entwurf einer internationalen Sprache und feilte ihn anhand von Übersetzungen aus.

Veröffentlichung 1887

1887 heiratete Zamenhof Klara Zilbernik und konnte dank der Mitgift seines Schwiegervaters seine Sprache veröffentlichen – auf Russisch, Polnisch, Deutsch, Französisch und bald danach auch auf Englisch. Er wählte das Pseudonym D-ro Esperanto, ein Hoffender; es ist denkbar, dass sein Vater, der eine Zeitlang als Zensor arbeitete, ihm aus Vorsicht zu einem Pseudonym geraten hatte. Die erste Version des nur etwa 50 Seiten umfassenden Buchs unter dem Titel „Internationale Sprache“ erhielt am 26. Juli 1887 von der Zensur die Genehmigung zur Verbreitung der gedruckten Exemplare – dieser Tag zählt als Geburtstag des Esperanto.

Drei Gedichte in Esperanto

Neben der Darstellung der neuen Sprache und der Hintergründe waren auch sechs Sprachbeispiele enthalten: Der Beginn der Bibel, das Vaterunser, ein Brief sowie drei Gedichte, zwei von Zamenhof selbst und eine Übersetzung aus dem Buch der Lieder von Heinrich Heine. So machte Zamenhof unmittelbar klar, dass er eine Kultursprache auf den Weg bringen wollte, weit mehr als nur ein einfaches Mittel der Verständigung. Aus dem Autorennamen entwickelte sich rasch der Sprachname – die Sprache des Dr. Esperanto oder kurz: Esperanto.

Erste Esperanto-Gruppe, Zeitschrift, Weltkongress

Das erste Esperanto-Buch, auf Esperanto „Unua Libro“, enthielt auch ein paar Coupons, auf denen sich der Unterzeichner verpflichten konnte, Esperanto zu lernen, wenn zehn Millionen Menschen dieselbe Erklärung unterzeichnet hätten. Zamenhof erhielt nur eine vergleichsweise geringe Anzahl dieser Coupons zurück – bis 1910 etwa 25.000; die Einsender wurden in Adressverzeichnissen veröffentlicht. Viele Leser des „Unua Libro“ lernten allerdings die Sprache gleich und begannen an den Autor der Sprache in Esperanto zu schreiben. Schon nach zwei Jahren gab es eine erste Esperanto-Gruppe, in Nürnberg, wo dann auch die erste Esperanto-Zeitschrift erschien, La Esperantisto. In den Folgejahren bildeten sich mehr und mehr örtliche Esperanto-Gruppen, später nationale Esperanto-Verbände und 1905 wurde in Boulogne-sur-Mer der erste große internationale Esperanto-Kongress veranstaltet, mit knapp 700 Teilnehmern.

Schwierige Jahre des Berufsanfangs

In den Jahren nach der Veröffentlichung der ersten Esperanto-Bücher mühte sich Zamenhof in verschiedenen Städten, sein Brot als Augenarzt zu verdienen. Erst die Praxis in Warschau ab 1897 gab eine bessere finanzielle Grundlage für die Familie. Mit der zunehmenden Verbreitung des Esperanto erhielt er dann auch gelegentlich Honorare für die Herausgabe von Büchern oder die Mitarbeit bei einer Zeitschrift.

Übersetzungen von Hamlet, Die Räuber, Andersens Märchen

Zamenhof nahm an den jährlichen Welt-Esperanto-Kongressen in verschiedenen Ländern teil und wurde dort von der wachsenden Zahl der Esperanto-Sprecher als „majstro“, Meister, gefeiert. 1912, 25 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Esperanto-Lehrbuchs, zog er sich beim Esperanto-Weltkongress in Krakau von seiner inoffiziellen Position als Leiter der entstehenden Sprachgemeinschaft zurück. Die sprachliche Entwicklung wurde schon seit einigen Jahren von einem Sprach-Komitee, „Lingva Komitato“, begleitet. Neben den nationalen Esperanto-Verbänden bildete sich 1908 auch ein „Universala Esperanto-Asocio“ (Welt-Esperanto-Bund), der ein Jahrbuch mit Adressen von Esperanto-Sprechern, Organisationen und Büros herausgab. Zamenhof selbst kümmerte sich u. a. um Übersetzungen; er übertrug Hamlet, Die Räuber, große Teile des Alten Testaments und Andersens Märchen ins Esperanto.

Kurzzeitige Konkurrenz

Ein gewisser Rückschlag war die Entwicklung eines reformierten Esperanto, Ido, dem sich ab 1907 etwa 10 bis 20 % der bisherigen Esperanto-Sprecher zuwandten. Auch wenn dies mit einiger Auseinandersetzung verbunden war – die weitere Verbreitung des Esperanto wurde dadurch nur wenig verlangsamt; dazu trug u. a. bei, dass das Ido mehrfach reformiert wurde.

Früher Tod

Zamenhof litt an einer Herz- und Lungenschwäche. Er musste seine Arbeit als Augenarzt aufgeben und starb am 14. April 1917 in Warschau, wo er auch begraben ist.

Zamenhofs Lebenswerk:
Eine internationale Sprach- und Kulturgemeinschaft

Auch wenn ein Teil der Träume von Zamenhof sich bisher nicht verwirklicht hat – Ludwik Zamenhof hat die Grundlage für eine neue und relativ schnell erlernbare internationale Sprache geschaffen, zu der sich eine weltweite Sprach- und Kulturgemeinschaft gebildet hat. Zamenhofs Sprache hat ausgehend von einem schmalen Büchlein innerhalb von wenig mehr als einem Jahrhundert einen Platz unter den fünfzig international am meisten verwendeten Sprachen gefunden. Nur wenige Menschen haben eine vergleichbare Wirkung mit ihrem Lebenswerk erreicht.


Als pdf-Datei (inkl. Langversion, mit Quellen)


Mehr Informationen zu Esperanto

Presse-Informationen

Quellen

(teilweise in Esperanto; Google Translate liefert eine ungefähre Übersetzung)

AFP: „unprecedented international success“
z. B. yahoo.com

Zamenhof über Esperanto als Familiensprache
Brief an Abram Kofman (28. Mai 1901),
Familia lingvo
Letero al Kofman

Youtube, Esperanto-Musik (Suche: Esperanto + muziko)
youtube

Tägliche Nachrichten in Esperanto aus China
china.org.cn

Außerdem aus China
Radio
Zeitschrift „El Popola Ĉinio“

Esperanto-Wikipedia
Wikipedia

WikiTrans (englische Wikipedia auf Esperanto)
WikiTrans

Google Translate für Esperanto
Google Translate

Ungarn, Volkszählungen 1990, 2001, 2011
Esperanto nach den Sprachkenntnissen in der Bevölkerung etwa auf Platz 15
Ungarische Volkszählung

Esperanto-Prüfungen in Ungarn, Institut NYAK
NYAK, Prüfungsanmeldungen

Esperanto-Sprachkurse bei Duolingo.com
Duolingo.com, Sprachkurse auf Englisch
Duolingo.com, Sprachkurse auf Spanisch

Erstes Esperanto-Buch, Unua Libro, Hauptaufgaben
Erstes Esperanto-Buch

Zamenhof, 1910
Regierungen kommen mit ihrer Hilfe erst dann, wenn alles schon ganz fertig ist.
(„ la registaroj venas kun sia sankcio kaj helpo ordinare nur tiam, kiam ĉio estas jam tute preta“)
Zamenhof über Regierungen

Zamenhof, 1906, Genf
Nicht so naiv…
(Ni ne estas tiel naivaj, kiel pensas pri ni kelkaj personoj ; ni ne kredas, ke neŭtrala fundamento faros el la homoj anĝelojn … )
Zamenhof über Naivität

Zamenhof, 1907, Cambridge
vielleicht nach vielen Jahrhunderten …
(eble post multaj jarcentoj)
Zamenhof über die zu erwartende Zeitspanne

Erstes Esperanto-Buch, 1887, drei Gedichte
Drei Gedichte im "Unua Libro"


Esperanto im Vergleich zu anderen Sprachen


Es gibt eine Reihe von einzelnen Studien und Hinweisen, dass Esperanto unter den 50 international am meisten verwendeten Sprachen ist:

- Esperanto im Vergleich mit anderen Sprachen mit lateinischer Schrift an Stelle 27 laut Textmenge im Internet. Gregory Grefenstette, Julien Nioche. Estimation of English and non-English Language Use on the WWW (2000).
Esperanto im Internet, Textmenge

- Esperanto wird von Internet-Anbietern in der Regel nach etwa 20 bis 50 anderen Sprachen eingeführt (z. B. früher eine von 42 Suchsprachen bei Google; dort heute mehr Sprachen. Eine von etwa 70 Übersetzungssprachen bei Google Translate.)

- Bei den ungarischen Volkszählungen taucht Esperanto bezüglich der Sprachenkenntnisse im Vergleich mit anderen Sprachen schon 1940 etwa an Stelle 17 auf. Heute etwa Platz 15.
Volkszählung, Ungarn


Mehr Quellen gerne auf Anfrage, s. Kontaktformular.

 

Hundertster Todestag von Ludwik Zamenhof (14. April 2017)

2017-03-10

en Esperanto
(Pressemitteilung und Artikel)

Zunehmende Verbreitung der internationalen Sprache Esperanto


„Mi lernis Esperanton, kiam mi estis infano. Mia patro parolis kun mi en Esperanto.“ (Ich habe Esperanto gelernt, als ich ein Kind war. Mein Vater hat mit mir in Esperanto gesprochen.) Iris ist Anfang zwanzig und wird bald ihr Medizin-Studium abschließen; sie hat Esperanto als Muttersprache gelernt und spricht es bis heute – mit ihrem Vater und mit einigen Freundinnen, die sie schon als Kind bei Esperanto-Veranstaltungen kennengelernt hat. Daneben spricht sie Deutsch und Spanisch, Französisch, Englisch und lernt seit einiger Zeit Portugiesisch.

Erster Entwurf für Esperanto schon als Schüler

Die Grundlagen der internationalen Sprache Esperanto wurden von Ludwik Zamenhof gelegt, dessen Todestag sich am 14. April zum hundertsten Mal jährt. Zamenhof wurde 1859 geboren und wuchs in der damals vielsprachigen Stadt Bialystok auf, heute im nordöstlichen Polen. Er erlebte die Konflikte der Juden und Russen, Polen und Deutschen dort hautnah mit. Schon als Schuljunge beschloss er, eine gemeinsame und leicht erlernbare Sprache zu entwerfen, damit Streitigkeiten möglichst durch Miteinander-reden und ohne Gewalt gelöst werden könnten. Einen ersten Entwurf konnte er schon 1878, zu seinem 19. Geburtstag, mit Schulkameraden feierlich einweihen, auch mit einem gemeinsam gesungenen Lied in der neuen Sprache.

Dr. Esperanto – ein „Hoffender“

Zamenhof studierte Medizin und wurde Augenarzt. Seine internationale Sprache überarbeitete er und konnte sie 1887 veröffentlichen, dank der Mitgift seines Schwiegervaters. Als Pseudonym wählte er „D-ro Esperanto“. Esperanto heißt in der neuen Sprache „ein Hoffender“; er hoffte auf Verbreitung seiner Sprache und auch darauf, dass die Sprache zur Verständigung und zur Verringerung der Konflikte zwischen Angehörigen verschiedener Nationen beitragen möge.

Kurz-Grammatik mit nur 16 Grundregeln

Das erste Buch, in Esperanto als „Unua libro“ bezeichnet, enthielt eine Einführung, eine kurze Grammatik in 16 Grundregeln und ein Wörterverzeichnis; es wurde in fünf Sprachen herausgegeben, Russisch, Polnisch, Deutsch, Französisch und später auch Englisch.

Erster Weltkongress 1905

Die Idee einer internationalen Sprache, die weitaus schneller zu erlernen ist als bestehende Sprachen, verbreitete sich rasch – auch weil es schon vorher eine ähnliche Sprache gab, Volapük, das aber weit schwieriger zu erlernen war. Schon zwei Jahre nach der Herausgabe des ersten Lehrbuchs gab es Esperanto-Vereine, es entstand eine Zeitschrift und es wurden weitere Bücher in der neuen Sprache herausgegeben. 1905 wurde in Boulogne-sur-Mer der erste internationale Esperanto-Kongress veranstaltet, mit über 600 Teilnehmern aus vielen Ländern. Zamenhof wurde als „majstro“, Meister, gefeiert.

Ausbreitung in alle Erdteile

Die Zahl der in Esperanto verfügbaren Bücher stieg rapide an; Zamenhof selbst steuerte einige Übersetzungen bei: Hamlet, Die Räuber, das Alte Testament und Andersens Märchen. Es entstand ein „Lingva Komitato“ (Sprachen-Komitee), das sprachliche Fragen behandelte und es bildete sich eine internationale Esperanto-Vereinigung, Universala Esperanto-Asocio (UEA). 1912, 25 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Esperanto-Lehrbuchs, zog sich Zamenhof als inoffizieller Leiter der Esperanto-Sprachgemeinschaft zurück; die Sprachgemeinschaft war selbständig geworden. Bei Ausbruch des ersten Weltkriegs war Esperanto auch in allen Erdteilen angekommen.

Früher Tod

Zamenhof litt an einer Herz- und Lungenschwäche, die ihn zur Aufgabe seines Berufs zwang. Er starb am 14. April 1917 in Warschau.

Internationale Sprachgemeinschaft

Sein Werk, die internationale Sprache Esperanto, hat mittlerweile Sprecher in über 130 Ländern weltweit gefunden; in siebzig Ländern hat der Esperanto-Weltbund Landesverbände. Ein paar hunderttausend Menschen sprechen Esperanto regelmäßig, ein paar Millionen haben nach Schätzungen die Grundlagen gelernt. Es gibt etwa tausend Esperanto-Muttersprachler.

Bücher, Musikkultur, tägliche Nachrichten aus China...

Aus dem kleinen Büchlein von 1887 ist eine Literatur mit etwa zehntausend Büchern geworden; über 300 Autoren haben Werke original in Esperanto verfasst. In den letzten Jahrzehnten hat sich außerdem eine Musikkultur entwickelt; Rock und Pop, Hiphop und Rap in Esperanto kann man bei youtube finden. Die chinesische Regierung veröffentlicht täglich Nachrichten in Esperanto. Größere Sprachlernseiten bieten im Internet Esperanto-Kurse an; bei Duolingo.com haben sich bisher über 800.000 Lerner für Esperanto angemeldet.

Esperanto breitet sich stetig weiter aus, weltweit.

Als pdf-Datei (inkl. Langversion, mit Quellen)

 

Stadtrat in Bialystok lehnt Zamenhof-Jahr 2017 ab.
Artikelsturm weltweit

2016-12-19

Der Stadtrat von Bialystok hat die offizielle Ausrufung des Zamenhof-Jahres 2017 anlässlich des 100. Todestages von Ludwik Zamenhof am 14. April 2017 abgelehnt; Zamenhof wurde in Bialystok geboren. Die Ablehnung der Ehrung hat einen weltweiten Artikelsturm ausgelöst, mit Artikeln in Europa und u. a. in Mexiko, Brasilien, Israel, Südafrika, Thailand und Indonesien.

Das hatte sich die Fraktion der Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) im polnischen Bialystok wohl anders vorgestellt. Der Stadtrat lehnte auf ihre Initiative hin letzte Woche den Antrag ab, das Jahr 2017 zum offiziellen Zamenhof-Jahr zu erklären, mit 12 zu 11 Stimmen. Mit der Benennung sollte an den hundertsten Todestag von Ludwik Zamenhof erinnert werden, dem Begründer der internationalen Sprache Esperanto, der in Bialystok geboren ist.

Ehrung durch Unesco

Die Unesco hatte Zamenhofs Todestag auf Initiative Polens und mit Unterstützung von Deutschland und der Slowakei schon vor längerem in die offizielle Liste der Gedenktage 2017 aufgenommen.

Zeitungen berichten weltweit

Erst berichteten ein paar polnische Zeitungen über die Aktion der Partei PiS in Bialystok und dann Ende der Woche auch Zeitungen auf der ganzen Erde - von Mexiko über Brasilien, Südafrika bis Israel, Thailand und Indonesien. Die französische Nachrichtenagentur AFP sowie Yahoo hatten die Meldung weltweit verbreitet.

Esperanto - ein "beispielloser internationaler Erfolg"

Der Artikel stellt die Lebensleistung von Ludwik Zamenhof heraus: Esperanto wurde als "beispielloser internationaler Erfolg" bezeichnet; es hat nach Schätzungen bis zu einer Million Sprechern weltweit.

Im folgenden eine Auswahl von Artikeln im Internet

Polnische Zeitungen

Bialystok online
Wrotapodlasia
portalsamorzadowy.pl

Yahoo

Englisch
Portugiesisch

Englischsprachige Medien

Global Headlines
World News in short
Robins Post

Französisch

Radio RCJ
pressreader (La Presse)

SwissInfo

SwissInfo.ch (Portugiesisch)

Italien

Aska News

Rumänien

stiripesurse.ro

Mexiko

La Jornada en linea

Brasilien

ISTOE
UOL

Israel

The Times of Israel
JP Updates

Südafrika

Midrand Reporter
Joburg East Express

Thailand

Bangkok Post

Asean

Asian Breaking News

Indonesien

Indo Premier

 

© EsperantoLand