28.02.2009
Die Literaturbeilage der britischen Zeitung "The Times" hat in der Ausgabe vom 6. Februar eine Rezension von "Concise Enyclopedia of the Original Literature of Esperanto" veröffentlicht. Das beschriebene Werk gibt auf 740 Seiten einen Überblick über die 120-jährige Geschichte der in Esperanto geschriebenen Werke.
300 Esperanto-Autoren
Übersetzungen in Esperanto behandelt der Autor Geoffrey Sutton in seinem im vergangenen Jahr in New York erschienenen Werk nicht - er konzentriert sich auf die original in Esperanto geschriebenen Bücher. Hierbei stellt er etwa 300 Autoren und ihre Leistungen vor. Es werden sowohl Prosatexte wie Romane, Erzählungen oder Satiren als auch Gedichte besprochen.
Fünf Perioden der Esperanto-Literaturgeschichte
Autor der Rezension ist John Wells, emeritierter Professor für Phonetik und früherer Vorsitzender des Esperanto-Weltbunds. Er erläutert, dass Sutton die Esperanto-Literaturgeschichte in fünf Perioden einteilt - vom "Primitiven Romantizismus und der Schaffung eines Stils" (1887 - 1920) bis zur heutigen "Verbreitung des Romans, experimentelle Poesie, Postmodernismus", seit etwa 1975.
Wortspiele in Esperanto
Besonders erwähnt werden in der Buchbesprechung einzelne Esperanto-Autoren wie Raymond Schwartz, der schon in den 1920-er Jahren Wortspiele in Esperanto etablierte. Eines davon taucht im Titel der Rezension auf, "A long kolego". ("Kolego" bedeutet sowohl "Kollege" als auch "langer Hals" (kol-eg-o), weshalb eine Giraffe, dem - eher für Kinder geeigneten - Scherz zufolge, niemals allein ist.)
William Auld: Mehrere Dutzend Bücher in Esperanto
Erwähnt werden auch die ungarischen Esperanto-Autoren Kalocsay, Baghy, der Russe Michalski und der Japaner Kenji Ossaka, die seit den 1920-er Jahren bekannt wurden. Kalocsay und Baghy haben die Esperanto-Literatur mit einigen Dutzend Werken und über viele Jahre hinweg geprägt. Bekanntere Autoren der vergangenen Jahrzehnte, die Wells vorstellt, sind Marjorie Boulton und William Auld. Aulds "La infana raso", ein Gedicht in 25 langen Strophen, wird von vielen als das herausragendste einzelne Werk der Esperanto-Literatur angesehen.
Internationale Sprachgemeinschaft
In der Einleitung seiner Rezension stellt John Wells Esperanto und die zugehörige Sprachgemeinschaft vor. Er legt dar, wie Esperanto sich verbreitet hat und dass es bei internationalen Veranstaltungen genutzt wird. Wells schildert die allgemeine Wahrnehmung von Esperanto als einen edlen Misserfolg ("a noble failure"). Esperanto habe keinen Erfolg gehabt bezüglich des Ziels seines Autors, Zweitsprache für die gesamte Menschheit zu werden.
Etwa 200 bis 2000 Esperanto-Muttersprachler
Jedoch sei Esperanto ein einzigartiges und bemerkenswertes Phänomen - das einzige Mal in der Menschheitsgeschichte, dass ein Projekt den Weg von einem Entwurf auf Papier zu einer fließend gesprochenen Sprache geschafft habe. Es wird erwähnt, dass es mehrere zehntausend oder einige hunderttausend Menschen gibt, die Esperanto regelmäßig nutzen, und zwischen 200 und 2000, die es als Muttersprache sprechen; Wells selbst kennt eine Reihe von Muttersprachlern, darunter einige, die es bereits in der dritten Generation sprechen.
Obwohl die Aussichten für Esperanto eher gering seien, als internationale Sprache allgemein angenommen zu werden, gebe es eine erhebliche Anzahl von Sprechern, die Bücher kaufen und lesen oder die Sprache zum lesen im Internet nutzen.
An Esperanto werde oft kritisiert, es habe keine Kultur und keine Literatur. Das behandelte Werk leiste viel, um solche Vorstellungen zu zerstreuen. Es folgt die Vorstellung der Enzyklopädie zur Esperanto-Originalliteratur.
Die Rezension im Netz
Die Rezension aus der Literaturbeilage von "The Times" ist in einer Esperanto-Übersetzung bei
Libera Folio zu lesen. Das englische Original ist in gescannter Version von John Wells bei
Facebook eingestellt worden; auch wenn die Kopie unscharf ist, kann man das jpg-Bild herunterladen, vergrößern und dann den Text lesen.
Einzelrezensionen und Literatur im Netz
Einzelne Rezensionen der Esperanto-Originalliteratur, Listen von Autoren, Romanen, Erzählungen, Dramen und Gedichten finden sich auf
Originala Literaturo Esperanta. Esperanto-Literatur im Internet kann man mithilfe der
Literatur-Datenbank von EsperantoLand finden.
Louis F. v. Wunsch-Rolshoven